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Im Frühjahr 1927 erscheint im „Internationalen Psychoanalytischen Verlag“ unter dem Titel „Primitive Kunst und Psychoanalyse“ ein neues Werk des bekannten kunstwissenschaftlichen Forschers. Sydow versucht die Nutzanwendung der Psychoanalyse auf die Erkenntnis des Formwillens der baulichen, plastischen und zeichnerisch-malerischen Kunstgebilde der Naturvölker. Ausführlich behandelt er die Grundlage der Baukunst, ihre Vorstufen (Höhle, Wetterschirm), verfolgt die Entwicklungsrichtung der naturvölkischen Baukunst und gibt die Deutung des räumlichen Urbildes. Die Plastik wird samt ihren Vorstufen (Stein, Baum, Pfahl), ebenso die Grundlage der zeichnerischen Künste von der Felsgravierung angefangen analysiert. Die Bearbeitung des bisher ästhetisch völlig vernachlässigten Materials der „Körper - Kunst“ (Körpermaßevergrößerung, Umbildung der Gliedmaßen, Bemalung und Tätowierung) wird wohl auch einer Erweiterung der kunstpsychologischen Problemstellungen zugute kommen. Die geistige Kunstform als selbständige Kulturmacht, die psychoanalytische Kunstphilosophie werden in besonderen Exkursen erörtert. Ein Kapitel über den Grund des Stillstandes der primitiven Kunst bildet den Abschluß des — mit Kunstbeilagen reichlich illustrierten — Werkes. Wir geben hier die einleitenden Ausführungen über die allgemeine Bedeutung der primitiven Kunst für unsere Zeit wieder.
Die Kunst der Naturvölker steht seit kurzer Zeit erst im Blickpunkte der Kunstanschauungen Europas, — ihr Gebiet ist die letzte Eroberung der Kunsthistorie. Jugendfrisch ist die innere und äußere Anteilnahme, die ihr zuteil wird. Das ist ihr Glück, — aber fast ebensosehr ihr Unheil. Die paradoxe Lage, die jeder erlebt, der exotisch-primitive Dinge studiert, kann man kurz so formulieren: gerade, weil es heute leichter wurde, von diesen Dingen zu sprechen, eben darum ist es auch um soviel schwieriger geworden.