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Daß wir alle doppelgeschlechtlich seien, ist heute den Gebildeten geläufig. Eine der Psychoanalyse wohlbekannte Befangenheit hindert uns aber, diesen für die Psychologie grundlegenden Gedanken zu verfolgen, bis er alles hergibt, was an Aufklärung in ihm steckt. Die Einheit des Bewußtseins, oder was man so nennt, zwingt uns immer wieder, den andersgeschlechtigen Anteil zu verdrängen und im Spiegel unseres Ideal-Ichs eingeschlechtig zu erscheinen. Manchmal zeigt uns dieser Spiegel gar nicht unser von der Anatomie beglaubigtes Geschlecht, wir wollen eher dem anderen Geschlechte gleichen und das Leben wird dann um so zwiespältiger.
Zwischen dem von der Anatomie legitimierten Anteil der Persönlichkeit und dem anderen herrscht zeitlebens eine Spannung, die uns in Form von Ambivalenzen aller Art zu Bewußtsein, oder wenigstens zu Trieb und Gegentrieb wird. Der Ödipuskomplex ist einer der ersten Versuche zur Lösung solcher Spannung. Der Kastrationskomplex ein zweiter, die Latenzperiode ein dritter und die Wandlung der Pubertät ein endgültiger. Das Kindesalter ist glücklicher im Ertragen der Doppelgeschlechtigkeit. Man darf sagen, die Spannung sei geringer und die beiden Pole vertragen sich besser miteinander. Schon der körperliche Ausdruck zeigt das. Man kann verkleideten Kleinkindern, etwa Bübchen mit Kopftuch oder Mädchen in Hoserln das Geschlecht kaum ansehen. Die sekundären Merkmale der Behaarung, Fettverteilung, des Busens, Knochenbaus sind noch nicht da. Auch im Greisenalter fließen diese Unterschiede ineinander und wie sehr man berechtigt ist, von Spannung, von willkürlich erhaltener Spannung zu sprechen, zeigt sich an Totenmasken. Hier hat die Muskelspannung der Züge aufgehört und wer die Maske unbefangen ansieht (Goethe, Beethoven, der Schauspieler Kainz),