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Aus dem im Februar 1927 zum 250. Todestage Spinozas im Haag erschienenen V. Band des „Chronicon Spinozanum“
Es führt kein direkter Weg von Spinoza zur Psychoanalyse, ja selbst kein indirekter, wenn dieser Begriff nicht ungebührlich erweitert werden soll. Es ist nicht entscheidend, daß fast dritthalb Jahrhunderte zwischen dem Entstehen der beiden Lehren liegen, aber sie sind im Ausgange und Zielpunkt, auch im Gesamtwesen grundverschieden. Freud will nichts mit der Philosophie zu tun haben; als er gewahr wird, daß er in einigen Begriffen mit Schopenhauer zusammentrifft, versagt er sich die Lektüre Nietzsches, um seine Unbefangenheit und Unabhängigkeit zu wahren; bei Spinoza mündet all sein Wissen, auch das Konkrete, in den Ozean der Philosophie. Freuds Anschauungen entstehen bei medizinischem Anlaß; er will Kranke heilen; Theorie baut er auf, um die Mittel dazu zu erlangen. Für Spinoza ist die Lehre, die Ergründung der Wahrheit das Höchste, wonach wir streben können; die Wahrheit selber das absolute Ziel, der Sinn alles menschlichen Lebens. Freilich hat sich schließlich bei Freud das Schwergewicht seines Interesses bedeutend verschoben. In seinen letzten Schriften schwillt in ihm eine bis dahin unmerkliche spekulative Ader mächtig an, er fühlt das Bedürfnis, den theoretischen Unterbau seiner therapeutischen Lehre systematisch zu gestalten, d. h. eine ganze Psychologie zu erbauen, ja er erklärt in einem Artikel der „Encyclopaedia Britannica“ , das Wort Psychoanalyse habe im Laufe der Zeit zwei Bedeutungen erhalten, 1) eine eigene Methode, nervöse Störungen zu behandeln; 2) die Wissenschaft unbewußter geistiger Prozesse, die man auch angemessen Tiefenpsychologie genannt hat (III, 253). Er erklärt dann, die Zukunft werde