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Aus dem Englischen übersetzt von Editha Sterba.
Man begibt sich bei jedem Versuch, das Wesen der Charakterzüge einer Nation zu ergründen, auf unsicheren Boden; aber bei allen Schilderungen von typischen und allgemein gültigen
Charaktereigentümlichkeiten des englischen Volkes begegnet man einem Charakterzug, der allenthalben mit solchem Nachdruck hervorgehoben wird, daß man sich dem Schluß schwer entziehen kann, daß ihm eine Gruppe tatsächlich beobachtbarer Erscheinungen zugrunde liegen muß. Ich meine die auffällige Betonung des Anstandes und der guten Sitte beim Engländer, eine Eigenschaft, die nicht nur von fast allen fremden Beobachtern hervorgehoben wird, sondern auch von Amerikanern und unseren überseeischen Mitbürgern, ganz zu schweigen vom „keltischen Saum“ unserer eigenen Inseln. Daß dieser Zug bei uns öfters als sonstwo, zumindest in der alten Welt, in Prüderie ausartet, wird wohl allgemein zugegeben werden. Dieses Verhalten hängt sicherlich mit der Neigung zur Zurückhaltung zusammen, mit dem Mangel an geselligen Talenten, der Abneigung, irgendwelche Affekte zu zeigen, mit dem Abscheu vor dem Sich-selbst-zur-Schau-Stellen, vor Prahlerei, „braggadocio“, „gasconade“, „rodomontade“, — man sieht, daß sich das Englische fremdsprachiger Ausdrücke bedienen muß, um diese dem Engländer fremden Eigenschaften zu bezeichnen. Psychologisch kann diese in Frage stehende Charaktereigentümlichkeit nach MacDougall als ein Mangel an Selbsteinschätzung bezeichnet werden. Die Psychoanalyse würde die Aufmerksamkeit dem sekundären Moment an diesem Phänomen zuwenden, das darauf hinzuweisen scheint, daß hier eine Reaktionsbildung vorliegt, wobei es ihr klar erscheint, daß durch diese Reaktionsbildung irgend etwas wirksam kontrolliert oder vermieden wird. Sie würde in diesem Charakterzug eine Reaktionsbildung wohl gegen mehr als einen Komplex sehen, von denen der verdrängte Exhibitionismus vielleicht der hervorstechendste ist. Wie dies auch sein mag, ich meine, es könnte vielleicht