You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Das Böse ist nur ein Auswuchs, der vertilgt oder — noch besser — verleugnet werden muß“ — gegen diese Philisterweisheit, die weiche Polsterung des Thronsessels, auf den sich die Bourgeoisie eben niedergelassen hatte, wandten sich alle feinen und starken Geister des 19. Jahrhunderts. Die mutigen unter ihnen begnügten sich nicht damit, sich von der Gegenwart abzukehren und zu fliehen, wie es die Romantik tat. Sie kämpften gegen den Geist ihres Zeitalters und blieben doch seine Kinder, dort erst recht, wo sie seine Ideale in das Gegenteil verkehrten. Ihr Persönlichkeitskult, als Herausforderung gemeint, war im Grunde nur die Konsequenz des wirtschaftlichen Individualismus. Sie bekannten Gott, indem sie ihn lästerten, und den Kapitalismus im Streben d'épater le bourgeois.
Der Bannerträger dieser Gruppe ist unzweifelhaft Baudelaire; zwar kaum ihre bedeutendste Gestalt, aber ihre glänzendste. Nicht deshalb, weil er Erbe einer aristokratischen Kultur war, für die Gut und Böse nur ästhetische Nuancen bedeutet hatten, auch nicht bloß deshalb, weil er Schöpferkraft, Klangfülle, Formvollendung besaß, sondern weil er mit einer aus der Tiefe hervorstoßenden Leidenschaft sich und seine Welt proklamierte, ohne Ballast von Logik und Argumenten. Für die „Blumen des Bösen“ war keine Erläuterung notwendig und keine Rechtfertigung erforderlich, dieses Werk war aus dem Urgestein menschlichen Trieblebens gehauen und trug vom Tage der Erschaffung an die uralten Rätselzüge.