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Aus einem im Wintersemester 1933/34 im Akademischen Verein für medizinische Psychologie in Wien gehaltenen Vortrag.
Allen psychotherapeutischen Praktikern fällt auf, daß in den letzten Jahren weniger ausgesprochene Neurosen als Charakterstörungen, Depressionen und Süchte zur Beobachtung kamen. Offizielle Stellen erklären aber, daß infolge der Not und dank den neuen Gesetzen und Verordnungen die schweren Suchtformen, Alkoholismus und Morphinismus, sehr abgenommen haben, der Kokainismus fast ganz geschwunden ist. Die alten Morphinisten sind geblieben, aber es kommen kaum neue hinzu.
Trotzdem ist mein Eindruck von der Zunahme der Süchtigkeit richtig. Doch müssen wir das Wort auch richtig verstehen. Es bezeichnet einen Reaktionshabitus, auf ein auflebendes Bedürfnis nach sofortiger Erleichterung von quälenden Seelenzuständen sich diese Erleichterung durch Einverleibung bestimmter Medikamente oder durch Hingabe an bestimmte Funktionen sofort zu verschaffen. Süchtigkeit bezeichnet auch die Struktur, vermöge welcher das Individuum der Bedürfnisspannung, die es verspürt, nicht anders als durch Erleichterung Herr werden kann, daß es also nicht anders imstande ist, den peinlichen Zustand zu überwinden, ihn zu ertragen und das auftauchende Gelüste zu beherrschen. Außer den genannten Medikamenten sind es insbesondere die Schlafmittel und auch, wenngleich weniger, die schmerzstillenden, welche suchtartig genommen werden. In diesem Falle werden die Schlafmittel nicht einmal vorzugsweise als solche genommen, sondern in Intervallen während des Tages, um bestimmte seelische Peinzustände zu überwinden;