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Erschienen in der „Wissenschaftlichen Festschrift zum 50. Geburtstag“ des Herrn Dr. Josef Reinhold, Gräfenberg, 1936.
Die erste Anregung zu den hier erörterten Problemen gab mir eine zufällige Beobachtung. Ein Mann mittleren Alters, dessen Leben und Schicksale mir sehr gut bekannt waren, erlitt durch den Tod einer von ihm heißgeliebten Person einen schweren Schicksalsschlag. Es war zu einer Zeit, da er, mil ten drin in sehr aktivem und erfolgreichem Leben, eben im Begriffe stand, auf einer hohen sozialen Stellung in seinem Wirkungskreise ein berühmter Mann zu werden. Seine Leistungen standen im Dienste politischer Ideologien und nahmen schon seit Jahren den größten Teil seiner Energien in Anspruch.
Wir alle, die Ihn und seine überaus zärtliche und intensive Bindung an die verstorbene Person kannten, erwarteten einen sehr schweren Trauerausbruch. Wußten wir doch, wie stark bei allen Anlässen die Gefühlsrcaktionen des Betreffenden zu sein pflegten. Es war uns allen etwas unheimlich zu Mute, als überraschenderweise an Stelle der erwarteten Gefühlsreaktion eine sonderbare Kälte und Gleichgültigkeit bemerkbar wurde Man hielt das Gehaben für Beherrschung, konnte sich aber doch nicht eines ungemütlichen Gefühles erwehren. Aus dem persönlichen Bekenntnis des Betreffenden habe ich erfahren, daß er selbst über die Tatsache der absoluten Gefühllosigkeit an Stelle der Verzweiflung erschrocken war. Er meinte dabei: „Es ist mir so, daß ich entweder im Schmerz vollkommen zusammenbrechen müßte, oder gar nichts fühlen — ich habe mich sichtlich innerlich zu dem Zweiten entschlossen, weil ich zu große Pflichten im Leben übernommen habe.“