You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Michel Fain wurde am 29. November 1917 in Paris in der Rue du Faubourg Saint-Antoine Nr. 95 geboren. Diese Adresse ist von Bedeutung, weil sie die letzte Etappe einer langen und turbulenten Reise in die Emigration darstellt, die seinen Vater von Moskau in das Sentier-Viertel führte, ein berühmtes Textilviertel von Paris. Seine Mutter, die in der Haute Couture arbeitete, war ebenfalls emigriert, aus Belgien, wo Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit grassierten.
Die Ehe seiner Eltern war, wie Michel Fain immer wieder berichtete, von Anfang an konfliktreich. Seine Mutter, eine waschechte Wallonin, wurde von der jüdischen Familie seines Vaters nie akzeptiert, zumal die Zugehörigkeit zum Judentum von den Frauen weitergegeben wird - ein Judentum, das im Übrigen von der Verwandtschaft seiner Mutter abgelehnt und verachtet wurde. Hier wird bereits im Entstehen eine Außen- oder Zwischenposition deutlich, die sich durch das gesamte Leben von Michel Fain zog. Er wollte nie einer speziellen Schule oder Richtung angehören. Dass er sich dem Medizinstudium zuwandte, hing mit der Weigerung seines Vaters zusammen, seine Berufswahl zu akzeptieren. Er selbst wäre lieber Apotheker geworden. Er glaubte, dass dieser Beruf ihm eine große Freiheit geben würde. Seine Vorstellung war, jemanden mit der Führung seiner Apotheke zu betrauen und dann viel Zeit zu haben, durch die Straßen von Paris zu streifen, seinen Gedanken nachzuhängen und sich umzusehen … Der Einspruch seines Vaters bestand aus einem einzigen Satz, der sich - so Michel Fain - wie eine Deutung des unbewussten Kompromisses verstehen lässt, der in seinem Berufswunsch enthalten war: »Ein Ladeninhaber, das kommt gar nicht in Frage!«