You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Eine komplexe und subtile Theorie der Zeit bildet das Herzstück von Bions Text »Eine Theorie des Denkens« aus dem Jahr 1962. Dreh- und Angelpunkt ist die Unterscheidung von »Konzeptionen« und » Gedanken «, nämlich psychischen Elementen, die beim Säugling aus Erfahrungen von Befriedigung oder aber von Versagung entstehen. Sie bilden in einer dialektischen Beziehung Erinnerungsspuren und damit eine Matrix, in der die ursprüngliche Zeitlichkeit entsteht und von der sich die gelebte Zeit ableitet - allerdings nur dann, wenn sie mit der Funktion der Sprache, die Zugang zum »Konzept« herstellt, in die symbolische Ordnung eingefügt wird. Unser Zeitgefühl gründet also in dem Rhythmus, in dem die Brust angeboten wird, und damit in der Beziehung zum primären Objekt sowie in einem weiter gefassten symbolischen Netzwerk. Trifft eine Präkonzeption der Brust auf die bloße Abwesenheit der Brust, führt dies nicht dazu, dass sich ein »Gedanke« bildet und Zeit entsteht. Daher unterscheidet Bion zwischen der Abwesenheit der Brust oder »keine Brust« und nichts (»Nullheit«), einer Verfassung namenloser Angst. Bions Begriff der Zeit stellt eine empirische Vorstellung dar, die auf klinischen Fällen beruht, bei denen die Zerstörung von Zeit zu beobachten ist; das kann den Ursprung der Zeit betreffen oder aber das, was Heidegger - im Gegensatz zum Begriff der »linearen« oder objektiven Zeit - die ontologische Struktur der Zeitlichkeit nannte. Zu diesen Folgerungen kann man nur durch die sorgfältige, genaue und kritische Lektüre von Bions Text gelangen.