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28. Oktober 1909
Prof. Dr. Freud
Wien, IX., Berggasse 19
Sehr geehrter Herr Doktor,
Sie überraschen mich mit einer Zusendung, in welcher mehrere angestrichene Stellen an mir bekannte Dinge anklingen und die mich sonst von neuem - wie so oft - bedauern läßt, daß zu meiner Kenntnis der Alten seit den Gymnasialzeiten so wenig hinzugekommen ist. Sie versehen den Abdruck mit einer Widmung, die ich als höchst bedeutsam noch erkenne. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich neugierig anfrage, wie ich zu der mir erwiesenen Ehrung gekommen bin und ob ich einen Leser meiner Arbeiten in Ihnen erkennen darf, der durch alles Einzelwerk hindurch den tieferen Sinn derselben erraten hat?
Seit längerer Zeit verfolgt mich die Idee, daß unsere Studien über den Inhalt der Neurosen berufen sein könnten, die Rätsel der Mythenbildung aufzuklären, und daß der Kern der Mythologie kein anderer ist, als was wir den »Kernkomplex der Neurose« nennen, wie ich ihn unlängst in der Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben bloßlegen konnte.2 Zwei meiner Schüler, Abraham in Berlin und O. Rank in Wien, haben den Versuch