You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
To comment on IJP Open, you have automatically been assigned a Disqus profile. You can view and contribute to article discussions by clicking on the Discuss icon located in the left toolbar.
In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die verschiedenen Stationen, die Ödipus auf seiner Wanderung durchlief, unter der Perspektive der von Chasseguet-Smirgel konzeptualisierten Phantasie einer „Welt ohne Hindernisse” zueinander in Beziehung zu setzen. Seine Frühtraumatisierung mit Verletzung und Aussetzung führte zur Behinderung im Erreichen der depressiven Position und zur Beeinträchtigung seines Triebes, wissen zu wollen, was sich in seiner Ambivalenz, Klarheit über seine Herkunft zu erlangen, zeigt. Sein Besuch in Delphi wird dabei als Wendepunkt begriffen, an dem aus einem wissen-wollenden (prädelphischen) Ödipus ein anderer (postdelphischer) Ödipus wird, der sich mit dem Orakelspruch identifiziert hat und sich zunehmend von seinem ursprünglichen Wunsch, zu erfahren, wer seine Eltern seien, um so Klarheit in seine persönliche Realität zu bringen, entfernt. Kurz nach Delphi kommt es im Hohlweg zu einer deutlichen Manifestation seiner Phantasie, dass ihm eine hindernisfreie Welt zustünde, die er meint, sich durch Tötung des Hindernisses „Vater” verschaffen zu dürfen. Sein ursprüngliches Ziel, Licht in seine Herkunft zu bringen, erlischt, bis er zum Zeitpunkt der Pest gezwungen wird, sich erneut dieser Frage zu stellen. Aber er wendet sich nach dieser Aufklärungskatastrophe schließlich gänzlich von der Realität ab, wenn er, nachdem er sich durch Blendung bereits eines Sinnesorgans beraubt hat, nun auch am liebsten noch sein Gehör verlieren würde, um mit der Realität nicht mehr konfrontiert werden zu müssen. Gegen Ende seines Lebens unternimmt er in Kolonos den letzten und endgültigen Schritt in Richtung Reinigung, sowohl seines eigenen Inneren, als auch das der Mutterimago. Durch die Verfluchung seiner Söhne zum gegenseitigen Tod verlagert er seine eigene Destruktivität per projektiver Identifikation in seine Söhne und reinigt sich von diesem störenden Element. Nun kann er doch noch in den Mutterschoß zurückkehren, diesmal nicht in den destruktiven Schoß, aus dem hervorging, sondern in den guten Schoß der Mutter Erde, die ihn als einen Heiligen, d.h. als einen Gereinigten, aufnimmt in eine Welt, in der ihm kein störender Dritter mehr begegnen wird. Es wird vorgeschlagen, die Dominanz, die die Phantasie, eine Welt ohne Hindernisse herzustellen, über Ödipus erlangen konnte, auf dem Hintergrund der filiziden Aktivität seiner Eltern zu betrachten. In diesem Zusammenhang wird ausgeführt, dass das Thema „Filizidität” in der traditionellen psychoanalytischen Rezeption des Ödipusmythos ein bisher vernachlässigtes Thema darstellt.