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Die Novellensammiung von Stephan Zweig ist eine der psychologisch wichtigsten Dichtungen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Vor diesem erschütternden und nachhaltigen Eindruck verblassen wertvollste Bücher, welche Kinderpsychologie künstlerisch formten: Manns »Budden-brooks«, Hesses’ »Peter Camenzind« und »Unterm Rad«, Strauß’ »Freund Hein« und Musils »Verwirrungen des Zöglings Törless«. Lebten wir nicht in Deutschland, wo der Erguß des begeisterten Pubertätsidealismus höher geschätzt wird als die künstlerische Gestaltung feinster und verwickeltster seelischer Konflikte, würde von diesem Buche eine Reform der Kinderpsychologie in der Kunst ausgehen. Alle Erzählungen schildern das Erwachen der Geschlechtlichkeit, den Sturm dieser Gefühle, das schmerzvolle Glück der ersten Enthüllung und das fürchterliche Grauen vor diesem Geheimnis in der Kinderseele. Von den vier Novellen, welche der Band umschließt, möchte ich zwei als die psychologisch wertvollsten und interessantesten herausholen. Die erste heißt »Die Gouvernante.« Zwei kleine Mädchen erfahren zufällig, daß ihre Gouvernante ein Kind bekommt. Ich muß diese kleine Szene, die jeden Psychoanalytiker durch ihre Wahrheit erfreuen wird, hierhersetzen.
»Die Jüngere starrt ganz verstört vor sich hin. ‚Ein Kind! Das ist doch unmöglich. Wo soll sie denn das Kind haben?’
‚Ich weiß nicht. Das ist es ja, was ich nicht verstehe.’
‚Vielleicht zu Hause wo …. bevor sie zu uns herkam. Mama hat ihr natürlich nicht erlaubt, es mitzubringen, wegen uns. Darum ist sie auch so traurig.’
‚Aber geh, damals hat sie doch Otto noch gar nicht gekannt!’
Sie schweigen wieder, ratlos, unschlüssig herumgrübelnd. Der Gedanke peinigt sie. Und wieder fängt die Kleinere an:‚Ein Kind, das ist ganz unmöglich. Wieso kann sie ein Kind haben? Sie ist doch nicht verheiratet und nur verheiratete Leute haben Kinder, das weiß ich.’
‚Vielleicht war sie verheiratet.’
‚Aber sei doch nicht so dumm. Doch nicht mit Otto.’
‚Aber wieso . .?’ Ratlos starren sie sich