You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der Blick umfassen. — Wer kann in sie sehen, wenn es hoch Mittag ist?
Hat die vorliegende Zeitschrift es sich zur Aufgabe gestellt, die Ergebnisse der psycho-analytischen Forschung auf alle Gebiete der Geisteswissenschaften anzuwenden, um so Aufschlüsse zu geben für manches psychische Geschehen, das bisher unerklärlich schien, so hieße es, auf halbem Wege stehen bleiben, wollte sie sich mit der Durchleuchtung des Seelenlebens des Erwachsenen begnügen. Die psycho-nalytische Therapie zeigt klar den Zusammenhang auf, der regelmäßig zwischen den Symptomen neurotisch Erkrankter und deren infantilen Erlebnissen statthat, ja wie gewisse Eindrücke aus der frühesten Kindheit geradezu bestimmend werden für spätere Krankheitserscheinungen. Aber diese Erinnerungsspuren aufzudecken und bis an ihre Wurzel zu verfolgen, ist eine mühevolle Arbeit, die vom Arzte wie vom Patienten unendliche Geduld erfordert. Die Tatsache dieser Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit, die sich dem Analytiker täglich aufdrängt, legte die Vermutung nahe, daß auch für die Entwicklung des körperlich und geistig Gesunden ganz bestimmten Ereignissen in der Jugend infolge starker Gefühlsbetontheit ein entscheidender Einfluß zukommt. Die Erinnerung an solche Erlebnisse geht nicht selten im Laufe der Jahre verloren oder entbehrt zumindest jedes Zusammenhangs mit dem übrigen Gedächtnisschatze, aber ihr Eindruck wirkt nach in jenen kleinen Eigenheiten, von denen keiner frei ist und die geradezu das Individuum vom Genus unterscheiden. Welcher Art die infantilen Erlebnisse sind, denen eine so bedeutende Rolle für die Charakterbildung des Menschen zufällt, läßt sich durch die Beobachtung des Kindes ermitteln. Hiebei stehen uns zwei Wege zu Gebote: der eine, der Rückblick in die eigene Jugend, wie wir ihn die Dichter in ihren autobiographischen Werken ge