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Die Erkenntnis der prinzipiellen Bisexualität des Menschen ist zu einem der wichtigsten Standpunkte der modernen Sexualwissenschaff geworden, und zwar nimmt hierbei die Auffassung Freuds einen gewissen Höhepunkt ein. Die Doppelgeschlechtlichkeit nicht als eine einzelne pathologische Erscheinung, wie die Doppelköpfigkeit, sondern als eine in der sexuellen Konstition des Menschen überhaupt begründete und dauernd wirksame Qualität, das ist der entscheidende Punkt. Um zu einer solchen Stellungnahme zu kommen, war zunächst eine bedeutende Erweiterung des Sexualitätsbegriffes nötig gegenüber der früheren Auffassung, die bis jetzt auch noch die populäre ist. Sexualität durfte nicht bloß das Gebiet des mit deutlichen organischen Akten verbundenen Lustrausches sein, sondern jede Form von Zuneigung, Hingabe, jedes Streben nach einem andern Menschen mußte als mit einer sexuellen Quote belegt vorgestellt werden. Die Erfahrung gibt hierzu tagtäglich Anlaß: wir beobachten im Verkehr mit Menschen Gefühlsäußerungen zwischen Angehörigen desselben Geschlechtes, die uns mit den Liebesbeziehungen, wie sie sonst zwischen entgegengesetztgeschlechtlichen Personen vorkommen, eine auffallende Ähnlichkeit haben: das Drangartige, tief Bestimmende und Aufregende ist auch hier vorhanden, selbst wenn man den Gedanken an eine geschlechtliche Entladung beiseite setzt. Mit einem Worte: das psychische Verhältnis des Menschen zum Menschen überhaupt ist ein vom Sexuellen her bestimmtes, wogegen die meisten Tiergattungen gewöhnlich nur sexuelle Beziehungserscheinungen von einem Geschlecht zum andern zeigen. Daß die Sexualität des Menschen in der Ausübung auf der einen Seite «der mannmännlichen» sich gewöhnlich an einer bestimmten Stelle verläuft und nicht weiter kommt, während sie auf der andern bis zum orgiastischen Höhepunkt gelangt, ist eine zweite Frage, die die These der bisexuellen Disposition nicht umwirft.
Der Mann hat also neben der meistens in der Übermacht befindlichen heterosexuellen Neigung