You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die künstlerische Intuition wurde wie das Schauen des religiösen Propheten meistens als eine Art Hellsehen betrachtet, das der Wissenschaft ehrfurchtsvolles Schweigen gebietet. Heute darf man den nicht mehr der Verwegenheit zeihen, der als Psychologe in die Geisteswerkstatt des Künstlers Einlaß begehrt. Freud und seine Nachfolger Rank, Stekel, Sadger, Jung u. a. haben mit Erfolg das Werden des dichterischen Schaffens erforscht, Graf belauschte als Erster die poetischen und musikalischen Offenbarungen eines genialen Tonmeisters. Freud drang in den jungfräulichen Boden der bildenden Kunst ein, indem er einige Werke Leonardo da Vincis mit unvergleichlichem Scharfsinn auf ihre letzten seelischen Wurzeln zurückführte. Dagegen fehlte bisher die direkte Analyse der malerischen Produktion am lebenden Künstler1.
Diese Lücke möchte die vorliegende Untersuchung ausfüllen. Von pädagogischer Absicht geleitet, sah ich mich eines Tages zu einer ästhetischen Studie genötigt, ohne welche der erzieherische Zweck schwer zu erreichen gewesen wäre. Die Einmischung in kunstwissenschaftliches Gebiet dürfte aus diesem Grund dem Laien verziehen werden.
Franz J. ist ein intelligenter 18 1/4 jähriger Jüngling, mit dem ich mich öfters über religionsphilosophische und ethische Gegenstände unterhielt. Aus pietistischen Kreisen hervorgegangen, hatte er sich zu freieren Anschauungen durchgerungen. Mir begegnete er seit dem Anfang unserer zwei Jahre bestehenden Bekanntschaft mit zutraulicher Offenheit, so daß ich auf ein günstiges Übertragungsverhältnis schloß. Vor einigen Monaten änderte sich sein Betragen gegen mich. Seine von mir bisher gern gehörte Kritik nahm einen nörgelnden Ton an und mündete in höhnische Opposition, grundsätzen Negativismus aus. Als der Jüngling schließlich alle ethischen Wertungen für Unsinn erklärte und beinahe im selben Atemzug sich über den Mangel an sittlichem Ernst bei seinen Kameraden beschwerte, schlug ich ihm analytische Seelsorge vor, die nach kurzem Widerstreben an