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Seit Otto Rank in Anwendung der Forschungsergebnisse Freuds der Mythendeutung neue Wege gewiesen hat, wird ein Buch, wie das vorliegende1, auch für den Psychologen und insbesondere den Psychoanalytiker erhöhtes Interesse gewinnen. Denn die psychoanalytische Einsicht in die Improvisationen der Völkerkindheit hat uns gezeigt, daß hinter den »Säkularträumen« der jungen Menschheit, wie hinter dem Traumleben des Individuums ganz andere »psychische Realitäten« verborgen liegen als die Verdrängungstendenz des »kultivierten« Menschen zugeben will.
Die neuere Mythendeutung wird es deshalb als ihre höchste Aufgabe betrachten müssen, jenes Unbewußte herauszufinden, das allen menschlichen Phantasieprodukten, dem Traum wie dem Mythos, zugrunde liegt. Und sie wird mit Befriedigung alle jene Mechanismen im Mythus wiederfinden, welche die psychoanalytische Betrachtungsweise des Traumes zutage gefördert hat. Umgekehrt werden wieder die mythischen Überlieferungen der Vorzeit die unwiderlegbare Bestätigung bilden für die Richtigkeit der in der Individualpsychologie gewonnenen Erkenntnis des unbewußten Seelenlebens.
Rank und Sachs haben in dem der Mythen- und Märchenforschung gewidmeten Kapitel ihres jüngst erschienenen Buches zu zeigen vermocht, wie die bisherige Art der naturmythologischcn Betrachtung oft genug in allegorisierende Spielerei ausgeartet sei, die doch nur an der Oberfläche geblieben war und es nicht gewagt hatte, des »Pudels Kern« zu enthüllen. Aber ehe noch die theoretische Begründung der neuen psychoanalytischen Mythenforschung erfolgt war, hatten sich einige selbständige Köpfe wie Stucken, Jeremias, Ehrenreich u. a. unbefriedigt von solch naiver Mythenbetradttung abgewandt, wie sie Max Müller und seine zahlreichen Schüler geübt wissen wollten.