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Wenn es wahr ist, daß die Frau das Wesen des Kindes tiefer, inniger erfaßt als der Mann, so gilt dies doppelt von der Dichterin. Denn sie hat vor ihren Mitschwestern die Gabe voraus, das, was sie in fremder Seele erschaut, mit dem zu vereinen, was Erinnerung und Phantasie ihr aus der eigenen Kindheit bewahrten. Mit entzückender Feinheit schildert Lou Andreas-Salomé in den fünf Geschichten aus dem Seelenleben halbwüchsiger Mädchen das Ringen und Werden dieser »gewesenen Kinder«. Nur eine Frau von hoher dichterischer Begabung und einem jungen, jungen Herzen kann so liebliche Gestalten vor uns zaubern, wie die kleine Musja mit ihrer rührenden Begeisterung für das Dichter-Idol ihres Bruders, die schlanke Lisa, die dem Vetter mit dem »schrecklichen Ruf« ein Schutzengel, ein Anwalt gegen die böse Welt sein will, Ria, »Vaters Kind«, und die armen heimatlosen Schwestern Dascha und Mascha und endlich Ljubow, die Sechzehnjährige, »deren große, schöne, weiche Gestalt verkündete: ‚Ich bin eine ausgewachsene Person, eine Dame bin ich!’, indes das runde Kindergesicht dem lebhaft widersprach,« Ljubow, die vom Leser scheidet in erwartungsseligem Liebesbangen.
Unter den vielen Problemen, welche die Autorin in den fünf Novellen berührt, lockt uns vor allem eines, der Familienkomplex. Die dunkle Macht, der wir alle unterworfen sind und die wir gemeinhin »Schicksal« zu nennen pflegen, erweist sich bei psychoanalytischer Betrachtungsweise im Grund als die Summe der Einflüsse unseres Heims von frühen Kindertagen an; sie bestimmen unsere Entwicklung, unsere Fehler und Vorzüge, sie zeichnen uns den Weg vor, auf dem wir Liebe und Glück suchen.
Was die moderne Seelentiefenforschung mit nüchternem Verstand enthüllt, das wertet die Dichterin mit dem Gefühle2, den Familienkomplex in seinen segensreichen und seinen tragischen Wirkungen. Neben ihm und mit ihm eng verschlungen geht die Kindersehnsucht, groß zu sein wie Vater und Mutter, oder