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Während man früher der Ehe unter Blutsverwandten nur insoweit ein Interesse entgegenbrachte, als man in ihr ein hereditär belastendes Moment erblickte, habe ich in einem Aufsatz1 darauf hingewiesen, daß die Verwandtenehe selbst als Phänomen der Neurosen-Psychologie gewürdigt werden müsse. Ausgehend von den Eigentümlichkeiten der Sexualität bei den Neurotikern, welche uns durch die Psychoanalyse bekannt geworden sind, gelangte ich zu der Auffassung, daß bei vielen solchen Personen die Übertragung der Libido auf blutsfremde Personen mißlinge, weil sie auch nach der Pubertät in inzestuöser Gebundenheit verharre. Für den Neurotiker, der sich dem Objekt seiner ursprünglichen inzestuösen Wünsche ebenso fern halten muß wie dem blutsfremden Weibe, bedeutet die Ehe mit einer Verwandten ein Kompromiß.
Schon in der erwähnten Schrift machte ich darauf aufmerksam, daß man die Neigung zur Inzucht in eine Reihe mit gewissen anderen Erscheinungen stellen müsse, um ihr psychologisch gerecht zu werden. An dem einen Ende dieser Reihe hat der reale Inzest seinen Platz; er ist in psychopathischen Familien nicht gar so selten, wie man anzunehmen pflegt. Das entgegengesetzte Extrem ist die völlige und dauernde Ablehnung aller Beziehungen zum andern Geschlecht.
Dem erstgenannten Extrem steht psydioiogisch nahe die Neigung zu solchen blutsverwandten Personen, welche nicht dem allernächsten Verwandtschaftsgrade angehören. In einem ganz ähnlichen Verhältnis zu dem oben genannten andern Extrem der Reihe steht eine Erscheinung, welche ich mit dem Namen »neurotische Exogamie« belegen möchte. Sie besteht darin, daß der Mann2〉 eine un überwindliche Scheu empfindet, in nahe Beziehungen zu einem Weibe zu treten, das der gleichen Rasse oder Nationalität angehört wie er selbst, oder — richtiger gesagt — wie seine Mutter. Hier werden also gegen die Möglichkeit des Inzestes ganz besondere Maßregeln getroffen. Der Neurotiker flieht vor dem mütterlichen Typus zu solchen Frauen, welche in Erscheinung und Wes