You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Nach Freuds Deutung wurzelt die Unfähigkeit Hamlets, am Oheim Rache für die Ermordung seines Vaters zu nehmen, in der »Ödipuseinstellung«, die ihn hindert, den Mann zu töten, der in Erfüllung seiner eigenen unbewußten Wünsche seinen Vater beseitigt und bei der Mutter dessen Stelle eingenommen hat. Das ganze Stück besteht eigentlich in nicht anderem als in kunstvoll durchgeführten Verzögerungen dieser vom Helden ge-forderten Handlung, die sich erst am Schluß, in dem großen allgemeinen Sterben, sozusagen hervorwagt.
Ich möchte nun zeigen, welche Bedeutung dem vielbesprochenen »Schauspiel im Schauspiel« in diesem komplizierten Apparat der Hemmungen und Verzögerungen zukommt und wie es, von diesem Standpunkt betrachtet, geradezu der Höhe- und Wendepunkt der dramatischen und seelischen Entwicklung genannt zu werden verdient.
Nachdem Hamlet, der zunächst nur über den plötzlichen Tod seines Vaters trauert und über die rasche Wiederverheiratung seiner Mutter empört ist, vom Geist seines verstorbenen Vaters dessen Mord erfahren hat, steht die Rache am Mörder als sein einziger Lebenszweck bei ihm fest. Er tut aber gar nichts zur Ausführung, sondern heuchelt bloß Wahnsinn, angeblich um ungehindert einen Plan anlegen zu können, der aber nirgends in Erscheinung tritt. Im Gegenteil wird der Held erst durch die Ankunft der Schauspieltruppe und den ergreifenden Probevortrag des Spielers daran gemahnt, daß er bis jetzt anstatt zu Handeln nur — wie ein Komödiant — gespielt habe, indem er einen Wahnsinnigen agierte. Stärker als diese äußere Beziehung wirkt die inhaltliche anfeuernd auf Hamlet. Die Rede des Schauspielers behandelt nämlich die grausame Tötung eines Königs 〈Priamos〉 und den Schmerz seiner treuen Gattin 〈Hekuba〉, dessen bloße Schilderung den Vortragenden selbst zu Tränen rührt und den Prinzen so erinnert, daß er viel mehr Grund hätte, um der geschehenen Taten willen 〈»um Hekuba«〉 seine tiefsten Leidenschaften in Handlungen ausströmen zu lassen, anstatt müßig zu bleiben und