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»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß die Kindheit schon ein Vorspiel des ganzen Lebens ist und bis zu ihrem Abschlusse schon die Hauptzüge der menschlichen Zerwürfnisse im Kleinen abspiegele, so daß später nur wenige Erlebnisse vorkommen mögen, deren Umriß nicht wie ein Traum schon in unserm Wissen vorhanden, wie ein Schema, welches, wenn es Gutes bedeutet, froh zu erfüllen ist, wenn aber Übles, als frühe Warnung gelten kann, so würde ich mich nicht so weitläufig mit den kleinen Dingen jener Zeit beschäftigen.«
Keller, der der größte Epiker seit Goethe genannt worden ist, hat eine ausführliche, tiefere psychologische Analyse noch nicht gefunden. Weniger bei seinem Biographen Bächtold, als in kleineren Darstellungen, wie denen von Otto Stößl oder Ricarda Huch, in Skizzen, Feuilletons u. dgl., fand ich das rätselhaft paradoxe Wesen des Dichters, »den gehemmten, brüchigen, leidenden Menschen hinter dem gewaltigen Künstler« gewürdigt. Es ist verlockend, den seltsamen Gegensätzen von unpraktischer Verträumtheit und pedantischer Philisterei, von Güte und Trotz, zarter Verhaltenheit und derben Ausbrüchen, von äußerer Ruhe und innerem Feuer, von Romantik und Realismus, Mutterflucht und Muttersehnsucht, dem ewigen Junggesellentum und der Reihe der Verliebungen — bis an die Wurzeln nachzugehen.
Der unmitteilsame, später allem Ausforschen ausweichende Mann hat in seinem Jugendroman, im »Grünen Heinrich«, reiche Quellen über sich eröffnet. »Wer hätte sich an dem schweigsamen Manne,« sagt Bächtold, »dieser mitteilsamen Offenheit, mit der er bei seiner demütigen Selbstschau zu Werke geht, versehen? Später hat er niemanden mehr in seiner Seele lesen lassen.« Mit Recht hat man die feine Psychologie bewundert, mit der der Dichter bis in die dämonischen Abgründe der menschlichen Natur hier vorgedrungen ist, und mit beispielloser, oft an J. J. Rousseau gemahnender Ehrlichkeit und Peinlichkeit sein Inneres dargelegt hat. »Die eigentliche Kindheit« — so wichtig für eine psychoanalyt