You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Zum Thema »Gattenwahl und Ehe« hat Hans Blüher 〈Imago III, 6〉 eine Beobachtung mitgeteilt, die widerspruchslos hinzunehmen ist. Seine Beobachtung stellt gewissermaßen ein Normalschema auf, nach dem sich für gewöhnlich die Gattenwahl abspielt, und am Grunde der Erscheinung erkennen wir schließlich das Gesetz, das auch für die von der Norm scheinbar abweichenden oder doch besonderen Verhältnisse überall das gleiche ist: die Erlebnisse und Gefühlseinstellungen der ersten Kinderzeit schaffen so machtvolle Eindrücke, daß sie für das ganze übrige Leben maßgebend werden und auch den gesamten Charakter des Menschen formen, einschließlich seines Geschlechtscharakters. Dabei kann es füglich dahingestellt bleiben, ob der allgemeine Charakter des Menschen ein Abkömmling seines gleichfalls so erworbenen Geschlechtscharakters ist, oder ob beide auf tiefere Wurzeln einer gemeinsamen besonderen angeborenen Veranlagung — also nicht nur auf eine allgemeinere, labilere Überempfindlichkeit des sogenannten Nervösen — zurückzuführen sind.
In diesem Normalschema erscheinen Dirne und Ehefrau als die entgegengesetzten Endpunkte einer Reihe von Liebesbeziehungen, die vor allem durch die Flüchtigkeit oder die Dauer gekennzeichnet sind, also durch die fehlende oder vorhandene Kraft des Weibes, zu fesseln und zu binden. Aber in dieser Reihe klafft eine Unterbrechung, die von Übergängen nur selten vollkommen überbrückt zu sein pflegt, so daß es sich wohl tatsächlich mehr um Gegensätze handelt. Das entspricht nun ihrer Ableitung von den kindlichen Beziehungen zu der einen Mutter einerseits und von wechselnden flüchtigen Beziehungen des Knaben zu Dienstpersonal und Gespielinnen anderseits.
Das Beispiel Blühers zeigt ferner, warum wir diesen Unterschied auch darin markieren, daß wir dem einen Typus mit dem Willen zur geschlechtlichen Betätigung mit wachem Begehren begegnen, während uns all den Frauen gegenüber, die uns an die Mutter gemahnen, anfangs meist eine scheue Scham und ein ehrfürchtiger Will