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«Alle unsere Wünsche und heißen Triebe, die in Wahrheit uns in die Zukunft hinübertragen, suchen wir aus den Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher Erkennbarkeit zu gestalten, um so für sie die Form zu gewinnen, die ihnen die moderne Gegenwart nicht verschaffen kann.»
Das Wesen des poetischen Schaffens ist — trotz einzelner verheißender Einblicke — psychologisch noch so ungeklärt, daß es scheinen könnte, wir vertauschten eine historisch unlösbare Schwierigkeit mit einem individualpsychologisch ungelösten Problem, wenn wir versuchen, zum Verständnis des Volksepos von der dichterischen Phantasiebildung her vorzudringen.
Bisher mußte nicht nur die Ästhetik mit ihrer begrenzten Problematik und Methodik in der Erkenntnis der poetischen Schöpfung und Wirkung letzten Endes versagen, sondern auch die schließlich als Hilfswissenschaft beigezogene Psychologie hat, soweit sie sich in der Beschreibung von Bewußtseinsinhalten erschöpft, nicht minder enttäuscht. Die Psychoanalyse hat zwar, von der Pathologie her, den wenig durchschauten wesentlichen Anteil der unbewußten Phantasiebildung grell beleuchtet, vermochte es jedoch in dem an mancherlei Unfaßbarkeiten grenzenden Bereich der Kunst nur zu vereinzelten Einsichten in den komplizierten Vorgang der dichterischen Produktion zu bringen, die noch zu keiner abschließenden Darstellung gediehen sind2.
Immerhin hat die Analyse des menschlichen Phantasielebens schon jetzt einige fundamentale Tatsachen sichergestellt, deren Kenntnis uns endgültig vor Mißverständnissen und Fehlgriffen ähnlicher Art zu bewahren vermag, wie wir sie in dem jahrhundertelangen Streit um das Volksepos ebenso hartnäckig bekämpft wie festgehalten sehen, Haben einsichtige Forscher längst davor gewarnt, die poetische Leistung nach den Regeln einer spitzfindigen Logik zu beurteilen, der selbst wenige philosophische Systeme standhielten, so verstärkt die Psychoanalyse dieses Argument durch den Nachweis der Abstammung