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Den Lesern dieser Zeitschrift sind Reiks frühere Abhandlungen über die »Couvade« und über die »Pubertätsriten« bekannt, Der Autor hat sie mit zwei weiteren bisher unveröffentlichten Aufsätzen, betitelt »Kolnidre« und »Das Schophar«, zu einem Buch vereinigt, das kürzlich unter dem Namen »Probleme der Religionspsychologie« 〈I. Teil〉1 erschienen ist. In diesen neuen, auf sorgfältige Literatur- und Quellenforschung gegründeten Abhandlungen wendet Reik das Rüstzeug der psychoanalytischen Wissenschaft mit überraschendem Erfolg auf zwei vielumstrittene Fragen des religiösen Rituals an. Die folgenden Zeilen sollen die Aufmerksamkeit auf Reiks ausgezeichnete Untersuchungen lenken, zugleich aber eine Anzahl notwendig scheinender Ergänzungen sowie kritischer Bemerkungen zu des Autors Ergebnissen bringen und damit einen Beitrag zum psychoanalytischen Verständnis des jüdischen Versöhnungstages und seiner Riten liefern.
Die Kolnidre-Formel, die zu Beginn des Versöhnungstages, d. h. als Einleitung des Vorabendgottesdienstes in feierlicher Weise vorgetragen wird, enthält eine vorgreifende Annullierung von Gelübden, Entsagungen, Verwünschungen, Eiden und anderen Verpflichtungen für die Zeit bis zum nächsten Versöhnungstage. Der Sinn der Formel ist oft mißverstanden und nie befriedigend erklärt worden, Sie steht in unvereinbarem Gegensatz zu der sonstigen Schätzung eidlicher Verpflichtungen im Judentum. Um diesen Gegensatz verständlich zu machen, untersucht Reik die geschichtliche Entwicklung des Eides und findet dessen Urform in der sogenannten «B'rith», einer Art von Bund, wie er z. B. von Jahwe mit den Erzvätern geschlossen wird. Auf selten Gottes enthält dieses Bündnis die Verpflichtung zum Schutze seiner Kinder. Auf der letzteren Seite steht dem gegenüber die Entsagung von jedem Attentat auf den Vatergott. Dieses Bundesverhältnis wird aus der Gefühlseinstellung primitiver menschlicher Gemeinschaften zu ihrem Totem,