You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der Psychoanalyse ist es bereits mehrfach gelungen, dem tieferen Verständnis der charakterbildenden Kräfte näher zu treten und sie auf die unbewußten Quellen zurückzuführen. Der Weg dazu führte meist durch die an den Neurotikern gewonnenen Erfahrungen, bei denen wir das, was wir im Normalen Charaktereigenschaften nennen, oft in pathologischer Verstärkung als Symptom wiederfanden.
In meinem Versuche, den psychischen Mechanismen des Mißtrauens als Charaktereigenschaft näherzutreten, wurde mir die Tatsache behilflich, daß das Mißtrauen einerseits als äußerst häufiges Symptom bei allen Formen von Übertragungsneurosen, besonders bei der Zwangsneurose auftritt, daß es im Verfolgungswahn der narzißtischen Neurosen zu finden ist und daß seine Verbreitung im scheinbar Normalen, also außerhalb der Neurose, oft auffällige Formen annimmt. Ich weise hier auf das Verhalten der Taubgewordenen, deren Mißtrauen allgemein bekannt ist, hin, auf die diesbezügliche Charakterveränderung im Alter und auf die merkwürdige Tatsache, die auch der gröberen Beobachtung zugänglich ist, daß in den letzten Jahren die ganze menschliche Gesellschaft ein Mißtrauen ergriffen hat, dessen Erklärung aus realen Gründen den Tieferblickenden nicht befriedigen kann.
Das Auftreten eines psychischen Phänomens unter so verschiedenen Bedingungen wird für den Psychoanalytiker nichts Befremdendes bieten, Sind wir ja durch die Erfahrungen der Analyse belehrt worden, daß das, was wir psychisch gesund oder krank nennen, nicht prinzipiell verschieden ist, daß die praktisch bestimmbaren Grenzen nur durch die Intensität, Verteilung, gegenseitiges Verhältnis derselben psychischen Fundamente, die den Dauerbesitz der Psyche bilden, variieren.
Die Tatsache, daß ein psychisches Phänomen unter so verschiedenen Voraussetzungen auftritt, daß es unter gewissen Bedingungen viele Mitglieder eines Volkes ergreifen kann, daß eine organische Erkrankung 〈ich meine die Taubheit〉 eine physiologische Bedingtheit 〈das Alter〉 bei Individuen d