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Wir sind gewohnt zu hören, daß dem »einzigen« Kinde aus seiner Sonderstellung in der Familie eine ganz eigenartige Entwicklung erwachse, die keineswegs als günstige zu bezeichnen und von den Eltern nicht beabsichtigt und erwartet ist. Durch ihre verzärtelnde Liebe, die es zum Mittelpunkt des Hauses macht, verwöhnt, sucht das »Einzige« allerorten ein gleiches Übermaß von Neigung. Sein Streben, überall Hahn im Korb zu sein, seine Unfähigkeit, sich anderen Kindern anzupassen, machen es unbeliebt und verschärfen den Gegensatz zwischen der liebegeschwängerten Atmosphäre daheim und der gefühlskälteren weiteren Umwelt. Die Frühreife, zu der das geschwisterlose Kind sich im steten einseitigen Verkehr mit den Erwachsenen entwickelt, wird von den Eltern in der Regel als Anzeichen einer ungewöhnlich hohen Begabung, einer großen Bestimmung im Leben gewertet und die Enttäuschung ist groß, wenn die Originalität seiner Aussprüche erlischt, sobald das »Einzige« in die Schule kommt. In dem neuen Kreise, in dem es eins unter vielen wird, vermißt es zum ersten Male die gewohnte Überschätzung seines Ich. Es fühlt sich zurückgesetzt. Häufig will es durch Vordringlichkeit Beachtung erzwingen; gelingt ihm dies nicht, dann wird es empfindlich, widerspenstig gegen die Lehrer, rechthaberisch, unverträglich gegen die Mitschüler. Es bietet im Kleinen das Bild des asozialen Menschen, der es dereinst wird. Oft versagt es in Bälde im Lernen, weil es dank der ausschließlichen Gesellschaft der Erwachsenen »schon alles weiß« — kurz das verhätschelte, verzogene Wunderkind wandelt sich in ein schwer erziehbares, »nervöses« Kind, das früher oder später schlimmen Schiffbruch leidet an den Klippen des sozialen Lebens.
In recht ähnlicher Weise vollzieht sich das Schicksal des »Lieblingskindes«. Vielleicht wird ihm das Zurechtfinden im Leben noch schwerer, weil sich das Glück seines Kinderdaseins auf der Zurücksetzung der Geschwister aufbaute und weil es also überall zu seiner Zufriedenheit die Bevorzugung