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Die Psychoanalyse zieht immer weitere Gebiete des menschlichen Denkens, immer mehr Wissenschaften in ihren Arbeitsbereich. Schon lange hat sie die Grenzen der medizinischen Arbeitssphäre als solche überschritten, steht mitten im gewöhnlichen Alltagsleben; sie bemüht sich mit großem Scharfsinn um verschiedene Probleme der Kunst, der Religion und der Ethnologie. Besonders überraschende Resultate hat sie auf letztgenanntem Gebiete erzielt durch Erforschung der Bedeutung, des tief verborgenen Sinnes, des im Dunkel versteckten Ursprunges von Sitten und Bräuchen der Völker, von denen der gebildetsten bis zu denen der primitivsten. Zwischen individuellen Gepflogenheiten, individuellen »Gewohnheiten« und den verwickeltsten Volkszeremonien hat die Psychoanalyse Zusammenhänge aufgedeckt. Durch die Tatsache, daß bei einzelnen Nervenkranken eigentümliche Gewohnheiten durch die schärfere Akzentuierung einer Zwangshandlung ein besonderes Gepräge erhalten, sind es namentlich die Neurotiker, die als Vergleichsobjekt mit den Bräuchen und Ritualen - sogar wilder Völkerstämme - am meisten zur Aufklärung manches Rätselhaften in den Volkssitten beigetragen haben. Die Zeremonien der Menschheit sind ebensolche Zwangshandlungen wie diejenigen des Neurotikers und sind offenbar durch den gleichen psychischen Mechanismus entstanden.
Oder sollte die Zeremonie, der Kultus etwa keine Zwangshandlung sein? Ist derjenige, der den Brauch übt, nicht von der Notwendigkeit aller jener systematisch durchgeführten formellen Handlungen überzeugt? Empfindet er dieselben nicht intensiv und unabwendbar z. B. als eine gottgefällige Handlung und darüber hinaus: als eine von einer höheren Macht auferlegte Aufgabe, wobei er sich mithin als Werkzeug einer überlegenen Macht fühlt, einer Macht, stärker als er selbst, die ihn beherrscht, die ihm jene formellen Handlungen gebietet … genau in der Weise wie der Neurotiker? Und erscheinen sie dem Außenstehenden, der das alles nicht mitempfindet, nicht ebenso lächerlich w