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Die heutige Psychologie erinnert lebhaft an einen wild zerrissenen Gletscher. Da türmen sich die Eisblöcke zyklopisch durcheinandergeschleudert zum greulichen Chaos und wer sich in diese Séeracs hinauswagt, verliert leicht die Orientierung. Von überlegenem Standort aus aber zeigen sich Ordnungen in der Unordnung, hier Moränen in parallelen Linien, hier Nebenarme, hier gemeinsame Senkungen. Walther Seidemann, Seminaroberlehrer in Altenburg, versteht es trefflich, im Wirrwarr der gegenwärtigen Psychologie die übereinstimmenden Züge aufzufinden. Mit dem Bienenfleiß eines passionierten Sammlers vertieft er sich in die ungeheure Zahl der Werke, die über den heutigen Stand der Seelenkunde Aufschluß geben. Klar und übersichtlich stellt er die allgemeinen Züge dar, weiß aber auch mit sicherer Hand das Sondergut der einzelnen Autoren zu zeichnen. Scharfsinnig und meistens mit viel Weisheit nimmt er zu den dargestellten Begriffen und Theorien Stellung und fügt der wissenschaftlichen Kritik jeweils eine wohlerwogene pädagogische Beurteilung hinzu. Nach dieser Hinsicht stellt sein Werk eine musterhafte Leistung dar.
Das Ergebnis ist allerdings für die akademische Psychologie nichts weniger als schmeichelhaft. Die Geschichte der menschlichen Irrungen wird sich einst an dem hier gebotenen Stoff ergötzen. Denn wieviel unfruchtbare Begriffsklauberei, wieviel ärmliche Definitiöchen, wieviel öde Scholastik auf Schritt und Tritt! Wo einer eine Lehre aufstellt, kommen sichr ein paar andere und wollen sie widerlegen, und in den wichtigsten Begriffen herrscht genau dieselbe Verworrenheit und Unwissenheit wie vor vielen Jahrzehnten. Da raufen sie sich um die abgenagten Knochen abgedroschener Definitionen und kommen Menschenalter nicht vom Fleck, werfen sich aber wütend auf solche, die, von solchem Treiben angewidert, neue Bahnen betreten und reue Aufgaben aufnehmen.
Der pädagogische Ertrag dieser von der modernen Psychologie präsentierten Konfusion? Was Seidemann wertvolle Anregungen nennt,