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Ehe ich an die eigentliche Untersuchung herangehe, lassen Sie mich deren Gegenstand umschreiben. Was wollen wir unter Moral hier verstehen? Man spricht von der Moral einer Zeit oder eines Volkes. In diesem unbestimmten Sinne wollen wir Moral hier nicht verstanden wissen, sondern in dem Sinne eines Lebens und Handelns gemäß bestimmten Normen oder Idealen.
Dieses Leben nach Normen trägt zum Teil einen habituellen Charakter. Es fällt nicht weiter auf, wenn der gegenwärtige Kulturmensch im allgemeinen nicht stiehlt und mordet. Man könnte Moral in diesem Sinne statisch nennen. Die Betrachtung dieser habituellen statischen Moral verdunkelt nun aber ein Moment, um das es uns hier besonders zu tun ist, ich meine den ursprünglichen Spannungscharakter des Moralischen, den Charakter einer Spannung zwischen dem fordernden Ideal und dem sich zunächst resistent verhaltenden Triebleben.
Diese Äußerung der Moral, die wir die dynamische nennen könnten, zeigt sich mehr in außergewöhnlichen Situationen eines inneren Konfliktes. Wir mögen uns hier erinnern an das Kantische Beispiel des Depositums2, in welchem jemand in der Lage wäre, ohne die geringste äußere Unannehmlichkeit fürchten zu brauchen, ein ihm anvertrautes Gut an sich zu nehmen, sich aber durch die bloße Vorstellung der Pflichtwidrigkeit einer solchen Handlung dazu bestimmen läßt, es dem Willen des verstorbenen Depositärs gemäß zu verwenden. Oder wir mögen uns vorstellen, daß wir in die Lage versetzt werden, über einen verhaßten Rivalen eine gutachtliche Äußerung zu tun. Wir wissen, daß ein kleines eingeschobenes Wort, eine winzige Geste genügen könnte, bei dem sich Erkundigenden einen Eindruck hervorzurufen, der wohl unserem Haß entsprechen und unserem Vorteil zugute kommen, aber nicht unserem Gerechtigkeitsgefühl genügen würde. Jeder, der die menschliche Natur im allgemeinen und sich selbst im besonderen besser, als das durchschnittlich der Fall ist, kennt, wird solche Situationen in sich erlebt