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Die von meinem sechseinhalbjährigen Töchterchen produzierte Tagphantasie und deren Analyse werden dem erfahrenen Praktiker kaum etwas Neues zu bieten imstande sein. Wenn ich die Phantasie dennoch veröffentliche, so tue ich es einmal deswegen, weil sie mir einen kasuistischen Beitrag zur Augensymbolik zu liefern scheint, und sodann aus der Erwägung heraus, daß es auch für den Routinier immer wieder lehrreich und vor allem erfrischend sein wird, Produkte der kindlichen Phantasietätigkeit und die bald naiven, bald witzigen und tollen Einfälle eines Kindes zur Kenntnis zu nehmen.
Die Situation, welche mein Töchterchen Heidi anregte, mir seine »Dichtung« vorzutragen, war folgende: Ich lag grippekrank zu Bette, da kam — es war am 6. März 1920 — mein Kind zu mir ins Zimmer auf Krankenbesuch. Wie es ans Bett trat, sagte es gleich: »Gelt dir ist langweilig, soll ich dir eine schöne Geschichte erzählen?« »O ja, sehr gerne«, gab ich zur Antwort. Augenblicklich hub Heidi zu erzählen an1:
Einmal sind drei Buben gewesen und ein Mägdelein. Die Buben sind an einer Hagecke 〈Zaun〉 gestanden und weiter vorn hat es ein Gebüsch gehabt, Dort drin ist ein Loch gewesen, in dem ist früher mal ein Tier gewesen. Das Mägdelein hat nicht mit den Buben spielen dürfen. Da ist das Mädchen in jenes Gebüsch gegangen zu jenem Loch und da sind viele, viele Schlangen gekommen und sie sind in dieses Loch hineingegangen. Und das Mädchen ist fest erschrocken und hinausgesprungen aus dem Gebüsch. Und es ist eine böse Schlange gekommen und hat es am Röcklein gepackt mit dem Maul. Es hat davon ein Loch gehabt am Röcklein. Aber das Mädchen ist gleichwohl noch davon gekommen. Es ist zur Mutter gerannt. Die hat gesagt: »Was hast auch du da für ein Loch?« Da hat das Mädchen gesagt: »Ich habe es ja nicht gemacht, eine böse Schlange hat es gemacht.« Da hat die Mutter gesagt: »Wir haben doch keine Schlangen, Donnerwetter, du hast doch das Loch selber gemacht.« Und die Mutter hat gesagt: »Dann wollen wir mal nachsehen