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1. Man würde es mit Recht für müßig halten, jede einzelne bedeutsamere Schöpfung der Dichtkunst, nur weil es in ihr notgedrungen von „psychischen Motiven“ wimmelt, unter die analytische Lupe zu nehmen, um Komplexe und Triebäußerungen freudig in ihr wiederzuentdecken. Allein „Oblomow“ mutet uns an, wiewohl er echter dichterischen Einbildungskraft entspringt und sozusagen ungekünstelte Kunst ist, wie eine wahre Veranschaulichung gewisser hervorragender Konstruktionen der neuen Seelenforschung. Es mag denn auch eine reizvolle Aufgabe sein, das Werk mit all seinen Einzelheiten und mit Heranziehung der übrigen Schriften sowie des Lebenslaufes seines Schöpfers analytisch zu bearbeiten. Wir haben uns diese Leistung nicht zugetraut und zwar auch darum nicht, weil eben Gontscharows Roman trotz seines unübertrefflich echten Kunstwertes ein wenig zu schematisch erscheint, als enthalte er nichts Wesentliches jenseits dessen, was in ihm anschaulich geschildert und formuliert zutage liegt. Auch wollen wir hier nicht versuchen, einen Baustein zur Psychologie (und Theologie) des Russentums niederzulegen, vielmehr nur daraufhinweisen, wie sehr die Oblomow-Gestalt es verdient, den Freudschen „Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit“ zur Seite gestellt zu werden. Wie ein Mensch an seinen inneren Hemmungen, Triebregressionen, infantilen Bindungen und erotischen Versagung zugrunde geht: hiervon beschert uns „Oblomow“ ein nahezu klinisches Musterbild - und es ist gut, daß der psychologisch veranlagte russische literary gentlerrmn aus chronologischen Gründen dem Verdacht entgeht, bewußt aus analytischen Quellen geschöpft zu haben.
2. Oblomow stammt aus einer in patriarchalischen Verhältnissen lebenden adeligen Familie und wird nach dem Tode seiner Eltern als junger Beamter in Petersburg Herr des Gutsbesitzes und des Dorfes Oblomowka, wo er seine Kindheit verbracht hat. Von dieser Zeit her verbindet ihn eine innige Freundschaft