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Zur Beurteilung des Seelenzustandes von Leo Tolstoi können, außer biographischen Daten, auch alle seine Schriften dienen, weil alle Schriften von Tolstoi eine Selbstanalyse und sogar in mancher Beziehung eine Psychoanalyse im Freudschen Sinne darstellen. In seiner tiefgreifenden Selbstanalyse bemerkte Tolstoi selbst einige psychopathische Züge seiner Persönlichkeit. Einige andere entgingen seiner Aufmerksamkeit und mußten dies auch naturgemäß.
In der Erzählung „Knabenalter“ ist der Seelenkonflikt des vierzehnjährigen beschrieben. Der Knabe wünschte intensiv den sexuellen Verkehr mit dem Zimmer-mädchen und konnte es doch nicht zustande bringen; sein Verlangen wurde durch Scham gehemmt. Für das Verständnis des Seelenkonfliktes reicht die Annahme von zwei gegeneinandergerichteten Aktivitäten — des Sexualtriebes und der Schamhaftigkeit oder, um es allgemein auszudrücken, der Moral — nicht aus. Notwendigerweise müssen wir noch eine dritte Aktivität annehmen: die Aktivität des Ichs im engen Sinne dieses Wortes. Es gibt einen schönen Ausdruck im Tschechischen sowohl wie im Russischen, der in romanische und germanische Sprachen eigentlich nicht zu übersetzen ist: „chci, ale rechce se mi.“ Wörtlich heißt es: „ich will, aber es will in mir nicht.“ Dieser Ausdruck verbirgt in sich ein tiefes psychologisches Problem über die Mehrheit der Wesen in einem Individuum. Beim vierzehnjährigen Tolstoi kämpften zur Zeit des Pubertäteintrittes die obenerwähnten drei Aktivitäten miteinander. Auf einer Seite kämpfte Sexualtrieb + Ich-Aktivität, auf der anderen — die Moral. Die letzte blieb Sieger. Tolstoi verzichtete auf den Sexualgenuß und suchte notgedrungen Befriedigung in den Vergnügungen der „stolzen. Einsamkeit“. Es wäre aber irreführend, wenn wir den Sieg der ausschließlichen Stärke der Moralforderungen