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Während man seit Jung vielfach mit Erfolg den Versuch machte, die psychischen Produkte Geisteskranker mit den Mitteln der Psychoanalyse zu deuten und zu verstehen, ist meines Wissens diese Methode auf die flüchtigen Gebilde akuter Intoxikationspsychosen, im besonderen der im Kindesalter so häufigen Fieberdelirien, noch nicht angewendet worden. In der letzten Morbillenepidemie Wiens vom Frühjahre 1923 konnte ich die folgende Beobachtung festhalten, die auch ohne ausführliche Analyse wegen ihrer Durchsichtigkeit die Annahme zuläßt, daß ein akutes Intoxikationsdelir den gleichen Gesetzen folgen kann, wie die Traumbildung.
Die neunjährige N. L., das erste Kind gesunder Wiener jüdischer Eltern, ist von blühender Gesundheit, intelligent, gutmütig, leicht erziehbar. Die vierjährige Schwester zeigt neuropathische Züge. N. hat seit Jahren ihr eigenes Schlafzimmer, doch soll es in früheren Jahren in der Ferienzeit vorgekommen sein, daß sie das Schlafzimmer der Eltern manchmal teilte. Kürzlich gestand sie der Mutter ohne stärkeren Affekt im Gespräche, sie habe ein Geheimnis. Ohne viel Widerstand erzählte sie, vor etwa einem Jahre habe sie, da sie an den Storch nicht mehr glaubte, die Mutter nach der Herkunft der Kinder gefragt. Die Antwort sei ihr verweigert worden, aber einige Monate später habe sie es von einem anderen Mädchen erfahren. Der Mutter aber habe sie das verschwiegen. Während der Krankheit liegt sie in einem der Ehebetten neben der Mutter.
Dieses Kind erkrankte an Morbillen. Beim Exanthemausbruch mißt sie 38·8° in axilla. Dabei spielen sich im Delir folgende Szenen ab: Ki.: „Mama, du darfst nicht bös sein!“ — Mu. sucht sie zu beruhigen: „Du bist doch ein braves Kind. Warum sollte ich denn böse sein?“ — Ki.: „Weil ich geheiratet habe.“ Ein Weilchen der Beruhigung. Dann: „Sagst du es dem Papa?“ — Mu.: „Was soll ich denn dem Papa sagen?“ — Ki.: „Mit ihm hab ich doch geheiratet.“ — Mu. beruhigt sie wieder; das mache doch nichts, sie solle jetzt nur schlafen. — Ki.: „Ich