You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Über Freud als Forscher und Schöpfer, über seine Bedeutung für die Erkenntnis des Seelenlebens, über seinen Einfluß auf das wissenschaftliche Denken überhaupt — über diese Dinge hier zu schreiben, verbieten der Anlaß und der Ort. Der Anlaß — weil man einen weltbewegenden Menschen nicht feiert, wie einen pflichttreuen Beamten oder Angestellten, in dessen Leben nur die Kalenderzahlen wesentliche Marksteine sind, während Freud uns durch seine noch im Flusse befindliche, ja fast gesteigerte Produktivität bewiesen hat, daß wir uns an keiner Grenzscheide seines Wirkens befinden. Der Ort, weil in diesen Blättern jede Zeile von der Größe seines Werkes spricht, so daß eine besondere Hervorhebung eher eine Abschwächung als eine Erhöhung bedeuten würde.
Statt dessen sei mir vergönnt, dem Gefühl nachzugeben, daß die Persönlichkeit Freuds für mich mit dem wesentlichen, ja fast dem einzig bedeutsamen Teil meiner eigenen Entwicklung unlösbar verknüpft ist. Ich glaube davon im Namen seiner ersten, ihm am nächsten stehenden Schüler ohne ungebührliche Betonung des Persönlichen sprechen zu dürfen, denn viele, und gewiß nicht die schlechtesten unserer Zeitgenossen, haben den Abglanz eines solchen Erlebnisses aus den Werken Freuds geschöpft, das uns ein seltenes Glück in den Schoß warf.
Freilich weiß ich kaum, wo ich beginnen soll. Soll ich von der Arbeitskraft und Unermüdlichkeit erzählen, die ganz abgesehen von dem Werte, auch der Menge nach durch Jahrzehnte hindurch die Arbeit dreier Menschen — des Analytikers, des wissenschaftlichen Schöpfers und des Organisators — vereinigte? Oder von den vielseitigen Interessen, die neben seinem eigenen riesigen Arbeitsgebiet noch Archäologie, Kulturgeschichte, Naturwissenschaften, bildende Kunst und Literatur umfaßten? Oder von der Urbanität und dem Takt, mit dem er dem Geringsten freundlich entgegenkam und die Überheblichkeit des Mächtigsten ruhig, aber schonungslos unterdrückte? Von dem unvergleichlich feinen Humor seiner Unterhaltung