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In seinem in der Moskauer Psychoanalytischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag „Phantasie und Realität in der Psyche des Kindes“ sucht der Verfasser zu zeigen,
wie wichtig die Kenntnisse der Freudschen Theorie des kindlichen Seelenlebens für die Erziehung sind. Das Denken des Rindes ist wie das der Primitiven im Gegensatz zum begrifflichen Denken des Erwachsenen symbolisch (archaisch). Da das Seelenleben des Kindes durch das Lustprinzip geleitet und die Wahrnehmung der Außenwelt für es mit Unlust verbunden ist, steht es überdies noch der Außenwelt feindselig gegenüber. Der Erzieher muß diese Kinderpsychologie verstehen, um nicht nur zu vermeiden, durch Fehlgriffe die negative Einstellung des Kindes zur Außenwelt etwa noch zu fördern, sondern um es mit ihr zu versöhnen. Da das Denken des Kindes symbolisch und seine Einstellung zur Welt negativ ist, bleibt ihm die Außenwelt verschlossen. An Stelle dieser für ihn fremden Welt schafft es sich eine andere Welt, die Welt der Phantasie, die nichts anderes als die wiederholende Darstellung seiner Erlebnisse ist. Es erlebt sie gleich intensiv wie die Realität, darum sind ihm seine Phantasien ebenso real wie die Wirklichkeit dem Erwachsenen. Diese Bedeutung der Phantasie für das Innenleben des Kindes ist bei der Erziehung besonders zu beachten. Wie dem Primitiven sind dem Kinde der Animismus und der Glaube an die Allmacht der Gedanken eigen. Wegen dieser Übereinstimmung hat das Kind großes Interesse für Märchen, Mythen, Sagen und Legenden. Diese archaischen Phantasien sind eben seinen eigenen ähnlich.
Der Verfasser meint, daß die Märchen nebenbei auch noch deshalb das Interesse des Kindes erwecken, weil sie seinen moralischen Anforderungen genüge tun. So befriedige z. B. „Das Rotkäppchen“ in Tolstois Umarbeitung, der das übliche Ende — das Erscheinen des Jägers, der dem Wolf den Bauch aufschneidet und die Großmutter mit dem Kinde befreit, fehlt, — das Kind nicht, weil dabei das Gute besiegt und das Böse unbestraft bleibe. Der