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Ich erkläre von vornherein, hier alles historische und literarische Material nicht berücksichtigend, rein psychologisch an das Charakterbild des Misanthropen heranzutreten.
Wir begegnen in der Titelfigur dieser ernsten Komödie einem Original von Menschen, der keineswegs einfach zu erklären ist und keineswegs immer und auf jedermann so wirkt, wie sein so vernünftiger Freund Philinte ihm ins Gesicht sagt: „sein Zorn über die Welt wirke wie ein Lustspiel, wo er sich sehen lasse; sein erhabener Kampf mit seiner Zeit habe ihn schon zu einer komischen Figur gemacht.”
Alceste ist ein angesehener Mann von Charakter und Geist; zwei so wertvolle, lebenskluge Menschen, wie Philinte und Eliante, halten treu zu ihm, so sehr sie sich auch über ihn wundern. Ja, Eliante würde ihn selbst zum Manne nehmen und sein Freund sieht ein, daß er vorzuziehen sei. Mag das Exzessive seines Wesens — sein eigener Freund spricht von Krankheit — ihn auch manchem lächerlich erscheinen lassen; er ist ein Unglücklicher, ein Mensch von bestem Wollen, der sich selbst ins Unheil bringt, für diese Welt zu gut ist, so daß er aus ihr flüchtet. Für diesmal noch nicht endgültig, aber er spricht mehrmals von Selbstmord. Wir modernen Theaterbesucher sehen in Alceste eher eine tragische Figur, denn wir ahnen, daß er unheilbar ist; können wir über einen Krüppel lachen, weil er komisch wirkt — und wenn es nur ein Krüppel der Seele wäre!? Es ist viel Würde in diesem Manne und es verlohnt, eine psychoanalytische Untersuchung anzustellen, die Wurzeln seines paradoxen Wesens aufzudecken.