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Ich beginne am besten mit dem Anlaß, durch den die Beschäftigung mit dem Thema dieser Arbeit in mir aufs entschiedenste angeregt wurde. Es war ein Erlebnis alltäglicher Natur, nichts anderes nämlich, als daß mich mein Reiseweg von Rom nach Ravenna führte, so daß die Kunstwerke der beiden Städte mir unmittelbar nacheinander vor Augen standen. Angesichts dieses Kontrastes wurde ein Problem, das Vorhandensein eines Widerspruches, mir lebendiger als je zuvor, obgleich es mir, wie jedem, der sich mit kunstästhetischen Fragen abgibt, längst bekannt war.
Wer die „ewige Stadt“ zum erstenmal betritt, der sieht das Rom der Spätantike und der Hochrenaissance, alles andere tritt zunächst in den Hintergrund. So erhält er den Eindruck, daß er an der Stelle stehe, die mehr als jede andere der Kampfplatz und die Bühne der entfalteten, bis ins Maßlose gesteigerten Persönlichkeit gewesen ist. Aus zahllosen Meisterwerken sprechen ebenso viele scharf gekennzeichnete Individualitäten, jede in ihrer eigenen Zunge. Freilich gipfelt das alles wieder in einem Einzigen, der — selbst kein Römer — dieser Stadt trotz all ihres Reichtums noch den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken vermochte — in Michelangelo. Aber das verstärkt nur das Gefühl, daß Kunst nur denkbar sei als Ausdruck einer Persönlichkeit.
Die Kunstwerke Ravennas entstammen einer anderen Zeit und sind von anderer Art. Sie entstanden etwa in dem Jahrhundert von 450 bis 550 n. Chr.