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Künkel nennt sein Buch eine Einführung in die Charakterkunde; aber gerade dann, wenn man, wie Referent es tut, dieses Buch für lesenswert hält, wird man sich gleich von vornherein darüber klar werden müssen, was hier dargestellt wird. Der Ausdruck Charakterkunde muß hier sofort eine Einschränkung erfahren: man hat sich eine entlarvende Charakterkunde darunter vorzustellen. Also nicht um eine Arbeit etwa wie die Charakterkunde von Klages, die sich um eine Systematik der bewußten, einfachen Reflexionen zugänglichen, Charakterzüge bemüht, handelt es sich, vielmehr um eine Charakterkunde, wie sie besonders Nietzsches grundsätzlicher psychologischer Haltung entsprechen würde. Sie begnügt sich ohne Zweifel nicht mit der Oberfläche, sondern sie deutet diese Oberfläche und verhält sich gegenüber all den sich anbietenden Erscheinungen skeptisch. Grundsätzlich fragt sie sich stets, ob nicht das genaue Gegenteil dessen als Charakterzug vorliegen könnte, was zunächst als solcher auf der Oberfläche erscheint. Freud hat Nietzsches Entlarvung fortgeführt, Künkel, der sich in vielen Punkten Adler anschließt, ohne jedoch an der übergroßen und sachlich unbegründeten Einfachheit Adlers hängen zu bleiben, geht, wie er selbst weiß, in seinen empirisch-psychologischen Grundanschauungen auf Freud zurück; er wäre ohne ihn unmöglich. Aber er schränkt im Inhalt dessen, was er darstellt, den Titel Charakterkunde noch weiter ein. Er behandelt im wesentlichen diejenigen möglichen Charakterzüge, die auf Hemmungen und Irrungen zurückgehen. Er behandelt also nicht den menschlichen Charakter, wie er bloß ist oder wie er sein könnte, wie er „normalerweise“ wäre, sondern worin er von seinen normalen Möglichkeiten abweicht. Was dieses „normal“ ist, wird nicht dargestellt; abgegrenzt wird, wie Künkel es nennt, im „nonischen“ Sinn, was „fehl“ an ihm ist. Der Absicht nach gibt für Künkel dann den Maßstab ab, was charakterlich zweckmäßig oder unzweckmäßig ist. Der Absicht nach verzichtet Künkel also auf j