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Unter den Vorwürfen und Einwänden gegen die Psychoanalyse erscheint immer häufiger der, sie berücksichtige nicht die sozialen Determinanten des seelischen Geschehens. Der Einwand selbst ist alt; er hatte sich früher in die Formel gekleidet, „solche Dinge, wie sie Freud behaupte, gäbe es nur im sittenlosen Wien“. Auch heute noch tritt er gelegentlich in dieser groteskprimitiven Form auf, so bei Jurinetz,1 wird aber doch auf höherem Formniveau energischer vertreten: einerseits soll die Neurose eine bürgerliche Luxuserscheinung sein und demnach die Psychoanalyse eine bürgerliche Spezialangelegenheit, — so hört man häufig Kommunisten reden — anderseits vertritt Prinzhorn,2 die — übrigens von Spranger,3 glaube ich, zuerst in die Diskussion gebrachte — Auffassung, die Psychoanalyse sei eine Sache nihilistischer, revolutionärer Politiker; sie sei übrigens veraltet und nur für die Zeit der längst verschwundenen lüsternen neunziger Jahre gültig.
Sehen wir von der gelegentlich kindischen polemischen Wendung dieses Vorwurfs ab, so trifft er einen Wahrheitskern. Die Psychoanalyse hat sich noch nicht gründlich genug mit den sozialen Bedingungen all jener seelischen Vorgänge befaßt, die sie entdeckte und ausführlich studierte. Wenngleich keine Rede davon sein kann, daß sie sie etwa völlig übersehen hätte. Im Gegenteil hat Freud sich sehr deutlich über diese Frage geäußert. Ja,