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Adlers Buch, das sich im Laienpublikum bekanntlich große Beliebtheit erfreut, offenbart in breiter und eindrucksvoller Weise die Denkart und Betrachtungsweise der Individualpsychologie. Der Titel gibt dem Buche einen weiten Rahmen und Adler versucht darin, den mannigfaltigsten Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens gerecht zu werden. Dieses Bemühen führt zur Aufstellung einer individualpsychologischen Charakter- und Affektlehre. Es wirkt erstaunlich, welchen Raffinements sich die Individualpsychologie bedient, um die differentesten Erscheinungen des Seelenlebens auf gemeinsames Maß und gemeinsame Genese rückführbar zu finden. So gelingt es der individualpsychologischen Deutungsakrobatik, jedes Symptom, jeden pathologischen Charakterzug und Affekt auf das Prokrustesbett der „finalen Funktion“ zu zwingen, wobei „Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben“ ubiquitär bereite Helfer sind. Als ein kleines Beispiel, dem sich aus fast jeder der 226 Seiten des Buches ein ähnliches beifügen ließe, sei hier die Erklärung wiedergegeben, die Adler für den pavor nocturnus findet: „Wenn man bedenkt, was für ein Rebellentrotz darin steckt, wenn sich ein Mensch zum Beispiel durch Angst gegen die natürliche Erscheinung der Nacht auflehnt, dann versteht man, daß das kein Mensch sein kann, der mit dem irdischen Leben verwachsen ist. Denn seinem Gehaben liegt nichts anderes zugrunde, als die Nacht abzuschaffen. Das verlangt er als Bedingung für seine Einfügung in ein normales Leben. Da er aber eine derartige unerfüllbare Bedingung stellt, verrät er gleichzeitig seine böse Absicht. Er ist ein Neinsager.“ So und ähnlich werden alle psychopathologischen Erscheinungen gedeutet. Es charakterisiert das Buch und die Lehre, die es vertritt, daß das Wort „Sexualität“ im Sachregister keinen Platz gefunden hat.
Richard Sterba (Wien)