You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Das steigende Interesse für Biographien entstammt sicherlich eher einem psychologischen Bedürfnis als dem nach Kenntnis geschichtlicher Fakta, (So versprach zum Beispiel Emil Ludwig, der dieses Bedürfnis erkannt und benützt hat, Goethes Lebensgeschichte „mit den Mitteln der modernen Psychologie” zu schildern. Man weiß seit dieser Darstellung, daß ihr Autor zwar nichts von „moderner Psychologie” versteht, dafür aber — zumindestens wenn er Biographien schreibt — eine reiche dichterische Begabung besitzt.) Das Buch, das Hanns Sachs dem merkwürdigen Leben und Charakter des Caligula gewidmet hat, würdigt wie die Biographie von früher die Zeit und die Umwelt ihres Helden, aber in erster Linie werden seelische Vorgänge — namentlich die unbewußten Prozesse — dargestellt. Der Name Psychoanalyse oder der ihres Schöpfers wird in diesem Buche nicht genannt, doch das Wesentliche darin ist von analytischen Gesichtspunkten gesehen, bezeugt die analytische Betrachtungsweise des Autors.
Einleitend werden die Familien Verhältnisse im Julisch-Claudischen Hause geschildert, die um so schwieriger zu durchschauen sind, als sie von den Zeitgenossen und den Späteren fast immer in Verzerrung gesehen wurden. (Schon die Genealogie ist ziemlich kompliziert, wenngleich dieses depravierte, welsche Kaiserhaus an den verwirrenden Reichtum der Familienbeziehungen unverdorbener, keuscher, germanischer Heroen Wagners nicht im entferntesten heranreicht.) Mit Recht betont Sachs, daß hier die seelischen Voraussetzungen zu suchen sind, aus denen sich jene Zügellosigkeiten und Missetaten der ersten Kaiser verstehen lassen. Die Umwelt Caligulas wird deutlich und unbefangen geschildert, die Gestalten treten plastisch hervor; in ihrer Mitte und doch von ihnen allen abgesondert, die Figur des Tiberius. Es ist, als sehe man den ewig mißtrauischen, verschlossenen, kalt-grausamen alten Tiberius vor sich, nicht mehr einen längst zu Staub gewordenen Herrscher einer verschollenen Zeit, sondern uns lebendig nahe: er