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Die Fragestellung, die der materialreichen und wertvollen Arbeit Bernfelds zugrunde liegt, verlangt Aufschluß über die Motive, die viele Jugendliche zur Abfassung von Tagebüchern veranlassen. Nachdem Bühler und ihr Kreis sich mit dem Tagebuch als Äußerungsform jugendlichen Erlebens bereits eingehend beschäftigt hatten, erschien es erwünscht, den Fragenkomplex auch von psychoanalytischer Seite her zu studieren. Die von Bühler aufgestellten Determinanten des Tagebuches (Isolierungsbedürfnis, „Abreaktion”, Nachahmung) können nach Bernfelds Auffassung, so bedeutsam sie im einzelnen sein mögen, die Funktion des Tagebuches im seelischen Haushalt nicht hinreichend bestimmen. Eine tiefere funktionelle Auffassung des Tagebuches mußte zunächst eine Formuntersuchung vornehmen, um eine exakte Antwort auf die Frage geben zu können, was ein Tagebuch ist und worin es sich von verwandten Formen unterscheidet. Als charakteristisch kann die Sammlung aktuellen autobiographischen Materials in Buchform angegeben werden, die das Tagebuch sowohl von „Reliquiensammlungen”, vom Brief, von den bei vielen Jugendlichen üblichen Sünden- und Tugendregistern, von der Aphorismensammlung, aber auch von der eigentlichen Autobiographie unterscheidet, welch letztere stets rückschauenden Charakter trägt. Die Auswahl der Einzelaufschriebe mag je nach der Einstellung des Schreibers bedeutenden Abweichungen unterliegen und die verschiedenartigsten Eigenformen aufweisen — das darf jedoch nicht hindern, den von Bernfeld als „Normangleich” hervorgehobenen wichtigen Faktor zu vernachlässigen, der auf den Einfluß von Brauch und Mode hinweist. In einer knappen historischen Skizze gibt der Autor einen Abriß der Geschichte des Tagebuches, die an die Entwicklung des abendländischen Individualismus seit der Renaissance eng gebunden ist und späterhin durch kirchliche Einwirkungen (Pietismus, Jesuiten) neue Antriebe empfing. Stellt man den Normangleich, den Druck von Haus, Kirche und Schule gebührend in Rechnung, so