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Die Arbeit versucht die Freudsche Untersuchung über das „Tabu der Virginität“ zu ergänzen. Ihr Resultat ist, daß die Angst vor der Rache des deflorierten Weibes eine geringere Rolle spielt als die für beide Geschlechter bedeutungsvolle Angst vor der Rache des Vaters (des Gottes), dem die Jungfrau gehört. Erst besondere Initiationsriten müssen die ausdrückliche Erlaubnis des Vaters bringen, wo nicht die rituelle Defloration in direkter oder symbolischer Weise eben tatsächlich dem Vater reserviert ist. Ein Beweis für die Intensität dieser Angst vor der Gefahr der Rache liegt darin, daß bei Witwen vielfach die gleichen Zeremonien eingehalten werden müssen wie bei Jungfrauen, weil da die Rache des verstorbenen Ehemannes ebenso gefürchtet wird wie dort die des Vaters. Ferner spiele, da die in Frage stehenden Riten ja nur ein Spezialfall der allgemeineren Blutscheu seien, die sadistische Sexualauffassung, speziell die Kastrationsangst, eine große Rolle. — Wenn der Moderne die Defloration nicht fürchte, sondern umgekehrt bevorzuge und die Virginität der Braut fordere, so müsse er es gelernt haben, Angst besser zu ertragen als der Primitive. — Was an der Arbeit, besonders an diesen letzten Gedankengängen, so unbefriedigt läßt, ist die gänzliche Vernachlässigung soziologischer Faktoren.
Fenichel (Berlin)