You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Keines von Nietzsches Werken nimmt nach seiner Ausdrucksweise und philosophischen Methode eine ähnliche Sonderstellung ein wie die „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Man möchte sagen, daß alles Nietzsche Kennzeichnende hier eigentlich noch fehlt: die unmittelbare Gestaltung aus sprachlicher Erregung, das dichterisch-prophetische, das aphoristisch-tänzerische wie das kritische und aggressive Element. Wir irren auch nicht, wenn wir annehmen, daß es Tribute aus der Beziehung zu Wagner und dem Ideengebäude Schopenhauers waren, die die nachmals nie vermißte Selbstherrlichkeit schöpferischer Freiheit verwehrten. Nietzsche bekannte in dem späteren „Versuch einer Selbstkritik“ bitter genug, daß er eine Abhängigkeit zu beklagen habe, in der er mehr als einen äußeren Mangel der ihm sonst sehr ans Herz gewachsenen ersten Darstellung seiner Grundlagen erblicken müsse.
Gewisse andere Vorzüge, an denen ihm selbst nicht mehr durchweg gelegen sein konnte, sind dem „fragwürdigen Buche“ jedoch gerechterweise nicht abzustreiten. Es hat besondere Reize durch die solide und fugenlose Eingliederung der neuen Anschauung in das von Schopenhauer Übernommene. Nirgends wieder ist der Leser dem Boden des philosophischen und intuitiven Entwicklungsprozesses so nah, für den uns der Name Nietzsche Begriff geworden ist. Gleichzeitig durchschwingt die Lust an dem Neuen, das die Erschließung des Dionysischen hinzugewann, diese Schrift mit einem üppigen Pathos, dem alles Imperativische abgeht. Nietzsche ist kaum irgendwo wieder ebenso kontemplativ verfahren, denn das spätere Werk