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Den Denkern, deren Worte die mündliche Lehre des jüdischen Gesetzeslebens erfüllen, den Tannaim und Amoraim, stand es keineswegs fest, daß Träume prophetische Bedeutung haben. Wohl haben sie alle aus dem Glaubensprinzip heraus den biblischen Träumen der Erzväter- und Josephsgeschichte den weissagenden Sinn zuerkennen müssen. Diese Anerkennung aber ist zugestandener Wunderglaube, ohne den das talmudische Judentum allerdings nicht besteht, und hat nicht verhindern können, daß Träume gewöhnlicher Menschen bei ihnen ganz unprophetische, ja gelegentlich rein psychoanalytische Deutung finden konnten. Diesen Weg gibt Rab Chisda Ber. 55 a mit den Worten frei: „Ein ungedeuteter Traum ist ein ungelesener Brief.“ Oder, noch krasser, der Palästinenser Rabbi Jonathan ib. b: „Jeder träumt von dem, was in seinem Herzen ist, denn noch niemand hat von einer goldenen Palme und noch niemand von einem Elefanten geträumt, der durch ein Nadelöhr geht.“ Über einen unberufenen „prophetischen“ Traumdeuter mokieren sich Abaje und Raba ib. 56 a.
Ein Sadduzäer erzählt ib. b dem Rabbi Jischmael Träume und erhält von ihm Deutungen, die allesamt der analytischen Methode nahestehen. Wir wählen einige aus.
Traum 1: Ich gab einigen Oliven Öl zu trinken. Deutung: Du stehst in verbotener Beziehung zu deiner Mutter. — Der Traum scheint das Öl als Sexual-symbol zu gebrauchen, — ähnlich wie bei An dreas Gryphius Neros Mutter in der Szene, wo sie ihren Sohn verleitet und meint, eine Mutter müsse ihrem