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Der Autor dieses Buches hat sich bisher im wesentlichen mit staatsrechtlichen Fragen befaßt und tritt mit dieser Arbeit zum ersten Male als Soziologe vor die breitere Öffentlichkeit. Die Rolle des Neides im Zusammenleben der
Menschen wird vorgeführt und als Neid in der Familie, zwischen Freunden in Klein- und Großstadt, bei den verschiedenen Berufsständen — deren Reigen Rechtsanwälte und Ärzte eröffnen, Politiker und Kirchenmänner schließen — lebhaft und unter Vorführung zahlreicher Beispiele abgehandelt. Die Arbeit bleibt rein phänomenologisch, geht nirgends auf tiefere psychologische Zusammenhänge ein und ist für den Psychoanalytiker dort besonders enttäuschend, wo der Autor über den Ursprung des Neides handelt. Wenn im Eingangskanitpl Genése de l'envie die Unterschiede von Stand, Rang und Vermögen für die Entstehung des Neides verantwortlich gemacht werden, so erscheint uns diese Begründung doch reichlich oberflächlich, zum mindesten frei und unbeschwert von jeder psychologischen Einsicht. Die Frage, warum den einen die sozialen Unterschiede zum Neid veranlassen, den andern nicht, wird gar nicht aufgeworfen. Unnötig zu sagen, daß der Autor von der Psychoanalyse kein Wort erwähnt, obgleich Freud im Kapitel IX seiner Arbeit: Massenpsychologie und Ich-Analyse (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 520 ff.) über die Entstehung des Neides Bemerkungen gemacht hat, deren Kenntnisnahme für Raigas Vorhaben gewiß recht nützlich gewesen wäre. — Abgesehen von diesen Beschränkungen in der Richtung der Tiefe ist auch der räumliche Umkreis der Erscheinungen recht eng gezogen: die Welt, aus der das Buch entstand und die es im Auge hat ist im wesentlichen die Welt der Pariser Salons, deren typische Vertreter für diese Phänomenologie des Neides Modell gestanden haben.
F. Schottlaender (Stuttgart)