You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Meine Liebe, Sie müssen unbedingt zu meinem Zahnarzt kommen; er ist einfach unerreicht!“ „Oh, nichts wird mich dazu bringen, dem meinigen weiterzugehen! In ganz Paris gibt es keinen, der ihm gleichkommt!“ Die beiden Damen setzen ihre Diskussion fort — und das Ergebnis ist daß jede von ihnen ihrem Zahnarzt treu bleibt.
Man wird vielleicht sagen, daß es sich hier um weibliche Vorurteile handle, daß vielleicht zumindest einer dieser beiden Zahnärzte ein Herzenbrecher sei. Das ist aber nicht der Fall; wir finden bei Männern das gleiche Verhalten gegenüber ihrem Zahnarzt. Nur ist die Tonart der Debatte zwischen Männern eine etwas andere; es liegt mehr Ernsthaftigkeit in den Stimmen. Aber die Tatsache ist die gleiche, mögen die Männer mondäne Müßiggänger, Ingenieure, Rechtsanwälte, ja selbst Ärzte sein.
Wir Psychoanalytiker kennen nun dieses Phänomen genau; wir nennen es die „Übertragung“. Diese bildet im allgemeinen die Grundlage, auf der sich jede Liebesbindung, jede Zuneigung aufbaut. Es ist das gleiche Gefühl von Anhänglichkeit, Bewunderung und Abhängigkeit gegenüber jenen, die uns in der Kindheit beschützt und betreut haben, das wir später besonders auf unsere Ärzte übertragen, auf die Psychoanalytiker so gut wie auf die Zahnärzte, die uns ihre Sorgfalt angedeihen lassen.
Das Unterbleiben jeglicher Kritik, das für alle Liebesbeziehungen charakteristisch ist, kann man im Verhalten des Patienten zu seinem Zahnarzt im höchsten Maße beobachten. Infolgedessen kann man Professoren der Medizin antreffen, die, durch die Macht der Übertragung an einen mittelmäßigen Zahnarzt gebunden, ein gut Teil ihrer Zähne verlieren, ehe sie sich entschließen, einen anderen Arzt aufzusuchen. Ist dies aber endlich geschehen, die alte Bindung gelöst, die neue vollzogen, dann erscheint der verlassene Zahnarzt durch die geänderte Einstellung plötzlich in grausam mitleidsloser Beleuchtung wie ein entthronter Gott. Allerdings trägt der Nachfolger sein Teil zu dieser Beleuchtung bei: es hat den Ansc