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Seit Spenglers „Untergang des Abendlandes“ hat noch keine Kulturphilosophie in Deutschland in weiten Kreisen der Gebildeten so bereitwillige und dankbare Leser gefunden wie das Buch von Karl Jaspers. Diesmal handelt es sich nicht um ein interessant schillerndes und leicht zugängliches Hypothesengebäude, sondern um eine philosophische Weltanschauung, die eine eigentümliche Strenge hervorkehrt und deren eindringliche Sprache weit mehr an das Suchen der Jugend appelliert als an die weltanschaulichen Interessen der Intellektuellen. Zwei Tatsachen sind es vor allem, die eine ausführliche Besprechung rechtfertigen: die phänomenologische Schule hat im Laufe der letzten Jahre besonders in Gestalt der „Existenzphilosophie“ immer mehr an Einfluß gewonnen; nirgends zeigt sich das deutlicher als in der psychotherapeutischen Literatur. Und die zweite, wichtigere Tatsache: dieses Buch will zwar nur Ausdruck eines „philosophischen Glaubens sein; aber dieser Glaube verrät immer wieder die Tendenz, sich an die Stelle der Psychologie zu setzen.
„Die geistige Situation der Zeit“ ist bei Jaspers der Titel für den Inbegriff aller Probleme, die sich für den „Einzelnen“ aus dem gegenwärtigen Zustand der Kultur ergeben. Es geht also nicht um das Schicksal der menschlichen Gesellschaft, sondern um das des Individuums in ihr. Auf kurzen 191 Seiten unternimmt Jaspers den Versuch, schlechthin alle wesentlichen Probleme des menschlichen Daseins aufzurollen. Durch vier Themenkreise verfolgt er das Schicksal des „Selbstseins“ des Menschen, in dessen zentrale Problematik er alle Fragen einmünden läßt. Er geht aus vom Massendasein im Zeitalter der Technik und findet, daß die wachsende rationale Durchdringung der menschlichen Daseinsordnung die Durchschnittlichkeit züchte und das „eigentliche Sein“ des Menschen niederhalte. Dieser Verfall habe einen „geistigen Grund“: den Verlust der „Bindung durch Autorität“. Die Gefahr des immer weiter fortschreitenden Substanzverlustes in allen menschlichen Bezieh