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Im Märchen finden die lauten Wünsche des Menschenherzens, die zum größten Teil ganz deutlich ausgesprochen sind, ihre Erfüllung. Im „Happy-End“ heiraten Held und Heldin nach der Niederlage ihrer Feinde. Aber es gibt verdrängte Wünsche, die die Menschen selbst im Märchen nur andeuten dürfen; solche wollen wir in dem Schneewittchen-Märchen zu erraten versuchen. Gleich eingangs begegnen uns Wünsche beider Art. Schneewittchen wird uns als des Königs Tochter vorgestellt; sie gehört einer Familie an, die bedeutend und reich ist. Dieser Wunsch bedarf keiner Verhüllung, wohl aber der nächste: Es ist schön zu leben und dazu muß man geboren sein, aber es ist nicht schön, daß der Vater die Mutter so liebt, daß er mit ihr Kinder kriegt. Dieser Wunsch — daß der Vater mit der Mutter nicht verkehren möge —, verrät sich in andeutenden Symbolen. Die Königin sitzt am Fenster und näht, und während sie näht, sticht sie sich in den Finger. Wir erkennen darin eine Andeutung der Defloration, einer Defloration aber, die sozusagen autoerotisch vor sich geht. In einer Variante des Schneewittchen-Märchens fahren ein Graf und eine Gräfin zusammen, und der Graf wünscht sich eine Tochter. Bald danach treffen sie ein Mädchen, das genau den Wünschen des Grafen entspricht. Obwohl das Fahren auf elterlichen Verkehr hindeutet, entspricht doch das Mädchen den Wünschen des Grafen wie er es auf der Fahrt phantasierte; das gräfliche Paar trifft das Mädchen am Wege als Kind, nicht als Baby; so ist denn die Gräfin nicht des Mädchens Mutter. Aus beiden Varianten spricht die Tendenz, den elterlichen Koitus zu negieren.
Die Mutter sitzt am Fenster und näht und phantasiert. Sie möchte so gerne ein Töchterchen haben, das so ist, wie sie sein möchte, ein Töchterchen, das ihre narzißtische Eigenliebe befriedigt. Sie hat eine Schneelandschaft vor sich; der Fensterrahmen ist aus Ebenholz, und das Blut aus dem gestochenen Finger fällt auf den Schnee. Eine solche Tochter möchte sie haben: weiß, schwarz, rot. Man wird