You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Im Mittelpunkte des Gedankenganges dieser fesselnden Schrift, die der Verfasser in mehreren älteren Veröffentlichungen vorbereitet hat, steht die Einsicht, daß das Verhältnis des Werkes zu seinem Schöpfer und in weiterem Sinn die Funktion des Kunstwerkes in der Gesellschaft meist einseitig dargestellt wird. Denn „neben dem traditionellen Typus, der Übereinstimmung von Kunst und Leben — es ist vielleicht der am wenigsten reale und am wenigsten reine —“ (S. 223) lassen sich andere Beziehungen aufzeigen, etwa solche, in denen die Kunst der Flucht vor dem Leben dient.
Den Gegensatz lebensnaher und lebensferner Kunst — ein für alle Patho- und Psychographie zentrales Problem — wird Lalo demnächst in zwei gesonderten Schriften (L'art loin de la vie und L'art près de la vie) an der Hand von Beispielen aus der Literaturgeschichte ausführlicher behandeln. In der vorliegenden Schrift aber hat er seine Auffassung nur angedeutet und dem System einer „relativistischen“ Kunstphilosophie eingefügt, das er im Umriß entwirft.
Die Kritik der über die Beziehung von Kunst und Leben schon geäußerten Ansichten gibt dem Verfasser Gelegenheit, einen klaren und ausführlichen Überblick über die Lehren der Psychoanalyse zu geben. Seine Einwände richten sich gegen die Arbeiten einzelner Analytiker, aber auch gegen manche — zum Teil mißverständlich interpretierte — Grund anschauungen. Das ist um so bedauerlicher, als sich ein großer Teil der von Lalo vertretenen Thesen mit Anschauungen der Psychoanalyse verbinden oder gar durch sie besser stützen ließen. Die Lektüre dieser durch vollendete Beherrschung der Literatur und eine Fülle anregender Problemstellungen gleichmäßig ausgezeichneten Schrift ist jedem, der an Fragen der Kunstpsychologie Anteil nehmen will, nachdrücklich anzuraten. In einem Feuerwerk von Geist und Witz scheint sich der Gedankengang da und dort zu verlieren, doch der Verfasser findet stets mit sicherer Hand den Faden im Knäuel und man lernt bald ihm dankbar auf alle Abwege folgen