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Lionardo ist der Maler der Androgynie (Bisexualität). In seinen eigenen Gesichtszügen wie in seinem Lebenswandel hat er die Neigung zur Androgynie hinter strengen, zwangsneurotischen Linien verborgen. Die Jünglinge aber, die er malte, sind wieder und wieder feminine Männer. Auch in seinem „Heiligen Abendmahl“ sind die Hauptfigur und mindestens zwei Apostel feminin. In seinen Frauenbildnissen ist die Neigung zur Androgynie nicht ganz so durchgehend. In den Zügen mancher seiner Männergestalten meint man die der Mona Lisa wiederzufinden, deren berühmtes Porträt jenes rätselhafte Lächeln zeigt, das nun schon vier Jahrhunderte in Atem hält.
Freud führt in seiner Studie1 dieses Lächeln auf ein Besinnen des Meisters auf das Lächeln seiner Mutter zurück. Es sei ihm nach seinem fünfzigsten Lebensjahr mit großer Macht wieder aufgetaucht. Freud sagt nicht ausdrücklich, daß dieses Lächeln männlich sei. Jedoch zeigt er mit außerordentlichem Scharfsinn und unter Heranziehung des spärlichen biographischen Materiales, das wir über Lionardo besitzen,2 ferner gestützt auf psychoanalytische und mythologische Erfahrung, daß Lionardo seine Mutter — wie alle Kinder in ihren ersten Jahren — als männlich, das ist mit dem Phallus behaftet, auffaßte und in den Tiefen seines Unbewußten von dieser Auffassung nicht mehr los kam. Es liegt nahe zu vermuten, daß auch das Lächeln, dem die Welt den Namen „lionardesk“ gegeben hat, eine Beziehung zum Mutter-Phallus-Komplex enthalte. Es wurde als frivol, als drohend, verbrecherisch, zynisch, teuflisch, verführerisch bezeichnet. Aber alle Beobachter sind darin einig, daß keine dieser Kennzeichnungen und auch nicht mehrere zusammen diese einzigartige malerische Leistung ausschöpfen.
Es ist auch interessant, daß gerade dieses Lächeln als lionardesk durch die Jahrhunderte lebt, während man von androgyner Malerei, die doch so auffallend zu Lionardo gehört, nicht zu sagen pflegt, daß sie lionardesk sei. Oft lebt ein künstlerischer Ausdruck in seiner verdrängt